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Der Bauzaun

 

Die alte Frau sah Frank Steinert noch einmal voll abgrundtiefer Verachtung an. Dann murmelte sie etwas, das er nicht verstand, sinnlose Silben anscheinend, verzog ihre blutenden Lippen zu einem Grinsen und sackte in sich zusammen. Ihr Atem, eben noch rasselnd und pfeifend, setzte aus. Nein, hörte auf. Ganz und gar.
Die alte Hexe war hinüber! Hatte sich einfach davongemacht, ohne Frank zu verraten, was er wissen wollte! Seine ganze Arbeit – umsonst.
„Verflucht!“, brüllte Frank. „Verflucht, verflucht, verflucht!“ Er konnte nicht anders, er musste seinen Frust loswerden. Die dicken Wände des Kellers verschluckten sein Gebrüll; außerdem trieb sich bestimmt niemand in der Nähe des baufälligen Abrisshauses herum. Drinnen schon gar nicht. Hier spazierte man nicht so leicht herein, die Alte hatte ihre Festung gut gesichert.
Allerdings nicht gut genug für Frank. Fünf Tage lang hatte er sie ausgekundschaftet, war dann ins Haus eingestiegen, hatte sie auch glücklich im Sessel bei einem Nickerchen erwischt, sie bewusstlos geschlagen, in den Keller geschleift und an den Armstuhl gefesselt, der dort stand – um sie, als sie wieder zu sich kam, gründlich auszuquetschen, gründlicher, als er es jemals getan hatte, und er hatte einige Erfahrung darin, o ja. Aber das alte Miststück hatte ihm nicht verraten, wo das Buch versteckt lag. Im sichersten Raum des Hauses, vermutete Frank, also in eben diesem Keller. Warum sonst standen hier wohl ein Lesepult und der bequeme Stuhl? Der Keller hatte eine massive Tür, dickes Holz mit Eisenbeschlägen, und das Schloss zu knacken war auch für einen Experten wie Frank eine Herausforderung gewesen. Eine klare Sache, und der Rest nur noch eine Frage von Zeit und Geduld ...
Doch die Alte hatte nichts gesagt, trotz all seiner Einfälle und Bemühungen, und wenn er in den Befragungspausen die Wände abgeklopft und den Boden abgesucht hatte, hatte sie ihm grienend zugesehen, mit einem ebenso bösen wie spöttischen Blick aus dem linken Auge (das rechte war gleich am Anfang der Befragung zugeschwollen).
Natürlich hatte Frank nichts gefunden. Keine verborgenen Türen, keine Echos in den Wänden, keine verdächtigen Stellen im Boden. Nichts. Auch das Lesepult zu zerlegen hatte nichts genützt, und die Befriedigung, die ihm das Anwenden der großen und kleinen Holzsplitter an seinem Opfer verschaffte, hatte nur kurze Zeit gewährt.
Sollte er nun das ganze verdammte Haus durchsuchen, Zimmer für Zimmer, fünf Stockwerke? Dann saß er noch hier, wenn im Januar die Leute von der Abrissfirma anrückten!
„So eine verdammte Scheiße!“, brüllte Frank und trat mit voller Wucht gegen den Stuhl, auf dem er die Alte festgebunden hatte. Der kippte um, die Leiche krachte auf den harten Ziegelboden. Dabei klang es, als würden ein paar der Knochen brechen, die Frank nicht erwischt hatte.
„Verdammt, verdammt, verdammt!“
Wieder und wieder trat er zu, achtete nicht darauf, was er traf, den ausgemergelten Körper der Alten oder den Stuhl.
„So ein Scheiß, so ein gottverfl …“
Mitten im Wort brach er ab: Unter dem letzten Tritt war der Stuhl in Stücke zerborsten. Die Leiche hing nur noch lose in ihren Fesseln, zusammengekrümmt wie ein Fötus lag sie auf dem Gesicht, streckte den knochigen Hintern in die Höhe. Das Sitzpolster lag zwei Schritt daneben, brachial vom Gestell gelöst – und mitten zwischen den Trümmern dieses Gestells …
Das Buch!
Frank starrte es eine Weile verblüfft an, dann brüllte er wieder los, diesmal vor Lachen. Wirklich? Die Alte hatte die ganze Zeit darauf gesessen? War verreckt mit dem Arsch auf ihrem Schatz?
Es dauerte eine Weile, bis er sich beruhigt hatte. Dann packte er das Buch, fühlte den rissigen schwarzen Ledereinband unter den Fingern und stopfte das Ding in seinen Rucksack, ohne es eines weiteren Blickes zu würdigen. Sein Auftraggeber hatte ihm sehr deutlich gesagt, dass es ihn nichts anging, was in dem Buch stand. Hätte er nicht tun müssen, es kümmerte Frank ohnehin nicht. Ihn interessierte nur sein Honorar - es würde sein Konto so hoch aufstocken, dass er sich endlich den wohlverdienten Ruhestand leisten könnte.
Und deswegen: Spuren beseitigen, und dann nichts wie weg!
Am Ende stellte er den Zeitmechanismus ein, der in Kürze einen Brand auslösen und seine DNS in Rauch aufgehen lassen würde, schlich vorsichtig hinaus, schloss die Kellertür doppelt ab, steckte den Schlüssel ein. Später würde er ihn außerhalb der Stadt im Fluss entsorgen, der war tief genug. Sicherheitshalber blieb er eine Minute im Dunkel des Hausflurs stehen und lauschte auf verdächtige Geräusche. Nichts. Er war immer noch allein hier. Und ehe jemand in den Trümmern des Hauses die verbrannte Leiche fand, würde er Hallberg längst hinter sich gelassen haben und sich mit neu gekaufter Identität in einem der schönen sonnigen Staaten ohne Auslieferungsabkommen eine angenehme Zeit machen.
Leise schloss er die Haustür auf, öffnete sie ein paar Zentimeter weit und spähte nach draußen. Nein, niemand zu sehen – wieso auch? Ringsum dehnte sich nur noch Brachland, mit ein paar vereinzelten Häuserruinen darin, ähnlich der, aus der er jetzt den Kopf herausstreckte – alle schon zum Abriss bestimmt, wenn auch noch nicht von einem Bauzaun umgeben wie diese hier. Das Haus stand ganz oben auf dem Abrissplan der Stadt. Was zum Teufel hätte die Alte gemacht, wenn in ein paar Wochen die Burschen mit der Abrissbirne anrücken würden? Ihr Domizil hätte sie dann aufgeben müssen – oder sich unter den Trümmern begraben lassen.
Seit der Zaun stand, war sie wohl durch die Lücke ein und aus gehuscht, durch die auch Frank geschlüpft war: ein halb offenes Zaunfeld fast gegenüber der Haustür. Als hätte einer der Jungs von der Abrissfirma gewusst, dass hier noch ein altes Mütterchen hauste, und ein wenig Erbarmen gezeigt. Wie auch immer: sehr praktisch, fand Frank.
Aber jetzt – jetzt war die Lücke verschwunden, selbst im Halblicht erkannte er das deutlich. So ein Mist! Irgendjemand musste den Zaun vollständig geschlossen haben, während er mit der Alten im Keller zugange gewesen war.
Hatte dieser Jemand ihn vielleicht gehört - und die Bullen gerufen? Lauerten die etwa schon irgendwo im Halbdunkel dieses späten Dezembernachmittags?
Nur die Ruhe, sagte Frank sich gleich darauf. Der Job ist so gut wie erledigt, der Zaun stört nicht groß. Schau erst mal nach, ob er hinten auch dicht geschlossen ist …
Er zog sich ins Haus zurück, stieg in den ersten Stock und lugte aus einem der hinteren Fenster. Nein, kein Glück – auch auf der Rückseite des Hauses stand der Zaun lückenlos, Feld an Feld, die Längsstreben in Betonfüße gesteckt, ein Feld ans andere mit dickem Klebeband gebunden. Keine Öffnung. Solide Arbeit.
Egal. Er musste nur noch ein Weilchen abwarten. Nach vier wurde es in dieser gottverlassenen Gegend finster wie im Bärenarsch, dann würde er sich trollen. Entweder hebelte er ein Zaun­feld auf, oder er stieg einfach über das Gitter. Kein Problem.
Frank setzte sich auf den Fußboden, widerstand der Versuchung, sich eine Zigarette anzuzünden, und ließ die Minuten verstreichen, in einer Art Halbtrance, in die er sich versetzen konnte, wann er wollte. Sie half ihm, sich zu entspannen; trotzdem hörte er alles, was im Haus geschah, jedes Knacken in den alten Brettern, das Klappern des losen Fensterladens im zweiten Stock links, das Rascheln einer Maus hinter den Scheuerleisten; der Teufel mochte wissen, wovon die in dieser toten Bude lebte …
Zehn Minuten nach fünf war es draußen stockdunkel; Straßenbeleuchtung gab es hier schon lange nicht mehr. Frank schlich nach unten, öffnete lautlos die Tür und lief zum Zaun, bemüht, mit den Blicken die Schatten zu durchdringen, die sich überall ballten, dicht genug, um jemanden zu verbergen.
War da nicht etwas - da vorn, nur ein paar Schritte hinter dem Zaun? Er sah genauer hin. Stand da jemand? Und bewegte sich, eben jetzt? Nein, sicher nicht … nur eine Täuschung, erzeugt von den Wolken, die vor dem Mond trieben. Bestimmt kein Mensch. Ein Busch, vielleicht …
Hatte da ein Busch gestanden?
Wahrscheinlich ja, aber, verdammt, er war sich nicht sicher. Hatte sich tagelang die Umgebung des Hauses angesehen und eingeprägt, und plötzlich ließ ihn sein Gedächtnis im Stich - das beunruhigte ihn mehr als jeder Mensch, der da lauern mochte …
Reiß dich zusammen! herrschte er sich selbst an. Schau nach, wie du hier rauskommst!
Lautlos huschte er zum Zaun – dorthin, wo gestern noch die Lücke gewesen war. Keine Lücke. Verdammt, wer hatte da plötzlich einen Ordnungsfimmel gekriegt und den Durchgang dichtgemacht?
Ist gut, Mann! redete Frank sich selbst zu. Mach dir keinen Stress! Klettre über den Scheißzaun - und gut!
Klettern? Vielleicht. Das da war ja kein besonderes Hindernis, nur ein typischer Standard-Bauzaun. Gitterwerk, allerdings so engmaschig, dass man den Fuß nicht richtig hineinsetzen konnte, höchstens die Fußspitze. Na, Klettern war ja nur eine Option …
Er lief ein paar Schritte, musterte scharf die Zaunfelder, rüttelte hier und da an einem – nein, alle saßen bombenfest, wie in ihre Betonfüße eingegossen. Genug! Er würde jetzt nicht den ganzen Zaun ablaufen und hoffen, irgendwo hätte irgendwer zufällig schlampig gearbeitet ...
Also auf die harte Tour.
Frank holte sein Messer hervor und versuchte das Band durchzuschneiden, mit dem zwei Zaunfelder aneinandergeheftet waren – doch obwohl das Messer scharf war, sehr scharf sogar, und er beim Säbeln mächtig ins Schwitzen geriet, gab es nicht den kleinsten Schnitt in dem verfluchten Zeug, das so flexibel war wie Gummi und zugleich so hart wie Stahl! Etwas völlig Neues offenbar – aber wieso ausgerechnet hier, an einem simplen Zaun um eine marode Ruine?
Egal. Das Rätsel würde er nicht lösen, und es brachte jetzt auch nichts, zu fluchen oder Panik zu schieben. Würde er eben klettern, okay …
Frank stellte sich auf den Betonfuß des nächsten Feldes, so kam er schon ein paar Zentimeter in die Höhe. Er streckte sich, angelte nach der Querstange, an der er sich hochziehen wollte - und erwischte sie nicht. Vor lauter Schwung, den er genommen hatte, landete er wieder auf dem Boden, geriet ins Taumeln und wäre beinahe gefallen.
Verflucht! War der verdammte Zaun wirklich so hoch?
Anscheinend. Offenbar hatte er sich verschätzt, denn auch der zweite und dritte Versuch brachten nichts ein. Im Gegenteil – beim dritten Mal konnte er die Stange zwar mit den Fingerspitzen berühren, aber es fühlte sich an, als habe sie sich gehoben - nach oben verschoben.
Was natürlich Unsinn war. Er war bloß wieder abgerutscht.
Also anders herum.
Probeweise griff Frank mit beiden Händen in das Gitter und steckte dann den rechten Fuß in ein Feld in der zweiten Reihe. Wenn er darin einen leidlich sicheren Halt fand, konnte er wie auf einer Leiter …
Doch es war wie verhext: Nur die Fußspitze passte in das Feld, und als Frank mit dem linken Fuß nachsetzen wollte, rutschte sie wieder heraus. Wieder landete er auf dem Boden, und dieses Mal riss beim Abrutschen etwas den linken Handschuh auf und schnitt ihm tief ins Fleisch darunter.
„Verfluchte Sch...!“
Gleich darauf stand er stumm da, reglos trotz des Schmerzes in seiner Hand, und lauschte in die Nacht. Nein, niemand schien das gehört zu haben. Trotzdem, er durfte nicht die Beherrschung verlieren, auch wenn noch mehr Unvorhersehbares passierte. Er musste hier weg sein, ehe der Brand im Keller begann und sich im ganzen Haus ausbreitete. Den würde man sehen, o ja, und dann auch ihn – wenn er nicht bis dahin auf und davon war. Ihm blieben noch dreißig, vielleicht fünfunddreißig Minuten. Also los!
Die Hand tat höllisch weh und blutete. Mit der Rechten fingerte er sein Taschentuch hervor, faltete es zum Dreieck, nahm einen Zipfel zwischen die Zähne und verband die Wunde einigermaßen. Dann bückte er sich und zog seine Schuhe aus. Sie waren zu breit – aber ohne sie, nur in Strümpfen, sollte er es eigentlich schaffen, über dieses Ding zu kommen. Nur die Schuhe hinüberwerfen, und dann: Bye, bye!
Erst landete der eine, dann der zweite Schuh weich, fast lautlos auf der anderen Seite des Zauns. Frank griff wieder nach dem Gitter - und tatsächlich, ohne Schuhe funktionierte es. Sein rechter Fuß passte leidlich in das Gitterfeld hinein, ebenso der linke, eine Reihe höher. Na also! Von oben würde er hinunter­springen, zwei Meter oder zweieinhalb, das war doch nichts.
Schon steckte er seinen rechten Fuß in ein Feld der vierten Reihe, dann den linken in die fünfte, den rechten in die sechste … Langsam zog er sich höher, fasste mit den Händen nach, es ging gut, trotz seiner klammen Finger und des Verbandes an der linken Hand. Bloß kalt war der Stahl! Vor allem an den Füßen fror er erbärmlich; ein Grund mehr, sich zu beeilen. Den linken Fuß in die siebente Reihe – nachfassen – den rechten in die achte – nachfassen – den linken in die neunte …
Verdammte Scheiße, was war das? Seit wann hatte dieser bescheuerte Zaun neun Reihen – nein, mehr als neun, denn mit den Händen hing Frank ja wohl schon in Reihe zwanzig oder so. Aber das konnte einfach nicht sein! Er kannte diese Zäune, sie standen ja überall herum. Ein Zaunfeld hatte sieben, vielleicht auch acht Reihen in der Höhe, nicht neun, zwanzig oder zweihundert! Was zum Teufel war hier los?
Frank schaute nach oben und fuhr zusammen. Ungläubig starrte er auf das, was er sah: Über ihm und nach allen Seiten erstreckte sich schier endlos der Zaun, Feld um Feld, Reihe um Reihe – bis hinauf in ein gestaltloses Dunkel, in dem er keine Reihen mehr erkennen konnte. Trotz der Kälte begann er zu schwitzen. Nein, das hier ging nicht mit rechten Dingen zu, ganz und gar nicht! Er musste zurück auf den Boden - dann würde er sich durch eine Lücke quetschen oder sich unter dem Zaun hindurchgraben, wenn er keine fand … Nur schnell runter von diesem verfluchten … Ding!
Er schaute nach unten und erstarrte: Auch in die Tiefe zog sich der Zaun endlos, Reihe um Reihe, hinein in Schatten und Finsternis. Dabei konnten Franks Füße sich keine drei Meter über dem Boden befinden! Neun Felder war er hinauf gestiegen … und wie viele Zentimeter hatte so ein Feld schon in der Länge, höchstens dreißig doch, nicht wahr? Und neunmal dreißig war zweihundertsiebzig, nicht mehr. Absolut logisch, oder?
Nein. Nichts war hier logisch. Gar nichts. Denn als Frank vorsichtig hinunter kletterte – linken Fuß aus der neunten Reihe lösen, zurück in die siebente stellen – rechten Fuß aus der achten lösen, in die sechste damit, und so weiter – als er das tat, langte er problemlos bei Reihe eins an; aber als er mit dem Fuß weiter nach unten tastete, war da, so lang er das Bein auch streckte, nichts als Luft.
„Scheiße!“, brüllte Frank; jetzt konnte er nicht mehr an sich halten, es brach einfach aus ihm heraus. „Scheißescheißescheiße, verdammte beschissene Scheiße!“
Bleib ruhig! befahl er sich. Du bist bestimmt nur verwirrt – wer weiß, was in dem verfluchten Haus versprüht war, vielleicht irgendwelche Drogen, bei so einer fiesen Alten ist alles möglich. Du bildest dir nur ein, dass der Zaun so hoch ist. Spring einfach runter! Es sind ja nur ein paar Zentimeter über dem Boden, du stehst doch schon auf der ersten Reihe. Also spring, zum Kuckuck noch mal!
Aber er sprang nicht. Statt dessen presste er sich gegen den Zaun, ließ mit der Rechten los, hielt sich nur noch mit der blutenden Linken fest und griff in seine Hosentasche, bis er den Schlüssel zum Keller gefunden hatte, und ließ ihn dann einfach fallen, wobei er angespannt auf das Geräusch lauschte, mit dem das Ding auf dem Boden aufprallen musste.
Es gab kein Geräusch. Nicht das leiseste. Als fiele der Schlüssel … und fiele … und fiele noch immer, in eine bodenlose Tiefe.
Es gab keinen Boden … Keinen Boden!
„Kein Boden. Keiner, keiner“, stammelte Frank nur leise vor sich hin. „Kein Boden. Und Himmel, Himmel auch nicht. Nichts … gar nichts …“ Er klammerte sich an den Zaun wie ein Kind an seine Mutter, und er hätte ewig so festhängen mögen - aber seine Arme schmerzten immer mehr, schmerzten höllisch, sein Gewicht zog ihn hinunter, und in seine halb erfrorenen Füße schnitten die kalten Querstreben des Gitters.
Aber er hatte noch eine Chance, er konnte davonkommen! Es war ja nicht sein eigenes Gewicht, was ihn in die Tiefe zog - es war das Buch, das verfluchte schwarze Buch in seinem Rucksack, das Buch, in dem er nicht blättern sollte. Oh, jetzt konnte er sich schon denken, warum! Aber er würde es ihnen zeigen, allen, würde sie alle austricksen …
Frank schlüpfte aus den Trägern des Rucksacks, erst mit dem rechten Arm, dann mit dem linken; zum Teufel damit! Wieder lauschte er, aber auch jetzt hörte er keinen Aufschlag. Dann wartete er darauf, dass ihm leichter wurde, zitternd, mit den Zähnen klappernd, durchgefroren bis auf die Knochen.
Er wartete vergeblich. Die Schmerzen in seinen Händen, seinen Füßen und allen Gliedern wichen nicht, wurden nur schlimmer. Nicht mehr lange, dann würde er loslassen müssen …
Also machte er sich an den Abstieg. Leben! Leben!
Frank kletterte abwärts, Stunde um Stunde, wie ihm schien - aber vielleicht waren es auch nur Minuten, in denen er seine Füße in Gitterfelder steckte und wieder herauszog und mit tauben Fingern eine Strebe nach der anderen umklammerte. Einmal tropfte ihm etwas ins Gesicht, neben dem rechten Mundwinkel, warm und salzig; er leckte mit der Zunge daran. Blut. Anscheinend blutete nun auch seine rechte Hand, aber er wusste es nicht sicher; er war schon jenseits des Schmerzes angekommen.
Schließlich, als seine Muskeln ihm den Dienst versagten, ließ er sich mit einem erleichterten Seufzen fallen; fiel und fiel durch die Finsternis, bis er irgendwann etwas zu hören glaubte: ein Geräusch wie krächzendes Lachen. Mühsam öffnete er die Augen und sah hoch oben, unendlich weit entfernt, die Querstange des Zauns. Ein dunkler Schatten hockte darauf, der ihn mit einem Auge böse und spöttisch anfunkelte. Aber vielleicht war das auch nur ein großer schwarzer Vogel …
Frank schrie, und dann schlug er auf, in einer Lohe aus Feuer.        
                                                         

Ó by Peter Schünemann, Halle, 2023, veröffentlicht in: Neuer Stern, Nr. 100, Halle/Saale