Neues

 

... diesmal wieder in "Kurze Prosa"

 

Kurze Prosa

Auf dieser Seite findet ihr in Zukunft jeden Monat einen neuen (oder auch älteren) kurzen bis ganz kurzen Text.

 

 

Wespenleben

Wespen leben nur einen einzigen Sommer, und diese hier hat sich verfangen im Straßenbahnkäfig, zwischen fuchtelnden Händen und so viel unerreichbarer Helle hinter Glas. Der Gott der Wespen, falls er ist, ist ein grausamer Gott.

 

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Friedrich N., müde

So also endet es: auf einem Sockel in einer Stadt, die man niemals mochte. Ein bronzener Stuhl, darauf er, Bronze auch. Dennoch erschlafft: als sei da kein Wille mehr zur Macht über den Körper. Im Schoß ein vergessenes Buch, seine rechte Hand deckt die Seiten abschließend breit. Er sieht nicht dorthin, sieht zur Seite, mit schrägem Kopf.
Da steht das Mädchen, ganz Gegensatz: jung, straff, dynamisch, im kurzen Turnkleidchen. Reckt den Kopf herausfordernd, ohne Respekt: Was sitzt du da rum? Komm doch runter.
Er rührt sich nicht. Sieht sie nachdenklich an, nicht unwillig, skeptisch jedoch, mit gefurchter Stirn. Was sieht er da vor sich? Warum sitzt er im Mantel, als friere er? Etwas ahnt dir. Du erinnerst dich anderer Denkmale: G. und S., in Weimar, aufgereckt beide, den Blick nach weitfort auf ein Hohes gerichtet, beider Hände am Lorbeerkranz. Oder fast nebenan, in Weißenfels N.: aus ätherischem Marmor, nur Büste, kein Körper; was ihm doch wohl Unrecht tut. B. in Berlin, sitzend auf seiner Bank, einem unsichtbaren Gesprächspartner zugewandt, ist diesem hier noch am ähnlichsten; doch blickt der hier weniger zuversichtlich ins Spätere, verkörpert am besten, was dir fünf vor zwölf am ehesten angemessen erscheint: eine müde Nachsicht mit allem und jedem.