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... diesmal wieder in "Kurze Prosa"

 

 

Die Tragödie der elektrischen Ameisen
Künstliche Menschen bei Mary Shelley und Philip K. Dick


Beitrag zum Philip. K. Dick-Special des Neuen Stern, Dezember 2018

 

Garson Poole, elektrische Ameise
 

In Philip K. Dicks Erzählung „Die elektrische Ameise“, geschrieben 1968, erfährt Firmenbesitzer Garson Poole nach einem Unfall, dass er „kein Mann“ ist, sondern eine „elektrische Ameise“ - ein biologischer Roboter, von anonymen Eigentümern zur Verwaltung der Firma eingesetzt. Seine verletzte Hand wird nun nicht im Krankenhaus geheilt, sondern in einer Vertragswerkstatt ersetzt, und statt „Mr. Poole“ ist er nur noch „Poole“. „Eine Marionette, sagte er sich; mehr bin ich nie gewesen. Ich kann die Firma nie wirklich geleitet haben; das war eine Illusion, die mir bei der Herstellung eingepflanzt wurde … zusammen mit der Illusion, daß ich menschlich und lebendig bin.“
Im Schatten dieses neuen Wissens kann Poole sein gewohntes Leben nicht weiterführen. Nachdem er seine Brustverschalung abgenommen und den Lochstreifen entdeckt hat, der seine „Realitätszufuhr“ steuert, beginnt er mit sich selbst zu experimentieren. Zuerst setzt er „zwanzig tote Minuten“ in den Streifen ein und verliert folgerichtig für eine Weile das Bewusstsein; dann stanzt er neue Löcher in den Streifen, die seiner Wirklichkeit eine Schar Enten und einen Stadtstreicher auf einer Parkbank hinzufügen. Zum Schluss schneidet er den Streifen einfach durch. Pooles Sekretärin und Geliebte Sarah ist bei diesen Experimenten anwesend und muss zusehen, wie er schließlich stirbt.
Eine recht geradlinige Story; doch Dick wäre nicht Dick, gäbe er ihr nicht ein unerwartetes Ende: Nachdem Sarah mit Pooles Stellvertreter Danceman telefoniert hat und beide zufrieden sind, Poole „endlich los“ zu sein, bemerkt Sarah, wie ihre Hände durchsichtig werden. Auch ihre Beine „verblassen“, ebenso der Teppich unter ihr, und durch ihn hindurch erblickt sie „weitere darunterliegende Schichten sich auflösender Materie“. Die letzten Sätze der Geschichte lauten: „Der Wind des frühen Morgens umwehte sie. Sie spürte ihn nicht; sie hatte jetzt aufgehört, etwas zu spüren. / Der Wind wehte weiter.“
In dieser Erzählung von knapp 25 Seiten spricht Philip K. Dick (mindestens) zwei der großen Themen an, die ihn beschäftigen. Zum einen ist das die Frage nach der Wirklichkeit: Was ist real, was nicht? - denn außer der Existenz des eigenen Bewusstseins ist bekanntlich nichts sicher. („Cogito, ergo sum“, ja – aber mehr als ein „denkendes Ding“ zu sein kann ich nicht beweisen. An die Wirklichkeit alles Übrigen, inklusive meines Körpers, muss ich glauben).
Zum zweiten fragt Dick hier: Was ist ein Mensch? Wie ist dieses Wesen, wodurch wird es bestimmt? Diese Fragen beschäftigen die Science-Fiction, seit Mary Wollstonecraft Shelley sie in ihrem Roman „Frankenstein oder Der neue Prometheus“ gestellt hat.

 

Frankensteins Monster: eine elektrische Ameise?


Mary Shelley (1797 - 1851), Tochter der Schriftstellerin Mary Wollstonecraft und des Philosophen William Godwin, Frau des Dichters Percy Bysshe Shelley, fasste den Plan zu „Frankenstein“ während eines Aufenthaltes am Genfer See, wo das Paar zusammen mit Lord Byron, dessen Arzt John William Polidori und Marys Stiefschwester Claire Clairmont in der Villa Diodati wohnte. Das schlechte Wetter verhinderte Ausflüge, also unterhielt man sich auf andere Weise, zum Beispiel mit Gesprächen über Erasmus Darwin (den Naturphilosophen und Dichter, der tote Materie belebt haben sollte), über den Galvanismus oder die Erschaffung künstlichen Lebens. Außerdem las man einander unheimliche Geschichten vor und beschloss, selbst welche zu schreiben. Byron begann eine, vollendete sie aber nicht; Polidori nutzte sie dann als Grundlage seiner Erzählung „Der Vampir“, der ersten Vampirgeschichte der modernen Literatur. Außer ihm schrieb nur Mary Shelley ihren Text zu Ende: „Frankenstein“, den ersten modernen SF-Roman.

Im eröffnenden Teil der Rahmenhandlung schildert der Seefahrer Robert Walton in Briefen an seine Schwester Margaret seine Begegnung mit Dr. Viktor Frankenstein im ewigen Eis des Nordpolarmeers. Frankenstein, dem Tode nahe, berichtet dem Landsmann von seinem Leben und von der Kreatur, die er erschuf, um sich sofort nach ihrer Erweckung voller Abscheu von ihr abzuwenden. Dabei gibt er auch wieder, was ihm das „Monster“ über sein Schicksal erzählt hat. Diese Erzählung bildet den innersten Kern des Romans. Sie folgt einer Idee Rousseaus: Der Mensch ist von Natur aus gut – zum Verbrecher wird er erst, wenn die anderen Menschen ihm nicht mit Güte, sondern mit Abscheu und Gewalt begegnen. So ergeht es Frankensteins Geschöpf: Sein Schöpfer verstößt es, darum flieht es und schlägt sich mühsam durchs Leben, immer wieder bedroht von Menschen, die es nur auf Grund seines Äußeren ablehnen.
Später beobachtet das „Monster“ aus einem Versteck heraus lange die De Laceys, eine Familie von einst gut situierten, gebildeten Emigranten, „liebenswerten Häuslern“, wie es sie bezeichnet. So lernt es nicht nur Sprechen und Lesen, sondern auch, was Moral ist. „Ich spürte die heftigste Inbrunst für die Tugend in mir aufsteigen und Abscheu vor dem Laster“, sagt es über seinen Gemütszustand in dieser Zeit. Schließlich wird seine Sehnsucht nach Zugehörigkeit übermächtig. Es wagt, sich den De Laceys zu zeigen – und begegnet abermals Entsetzen und Hass, wird geschlagen und verjagt.
Erst da kommt die böse Seite seines Wesens zum Vorschein. Bei seiner Flucht hat es zufällig Frankensteins Tagebuch mitgenommen, darum weiß es, wohin es sich wenden muss, um Rache zu nehmen. Das Wesen tötet im Affekt Viktors kleinen Bruder; dann lenkt es heimtückisch den Verdacht auf das Dienstmädchen der Familie, das wegen des Mordes hingerichtet wird. In den Alpen stößt Frankenstein erneut auf das „Monster“. Es erzählt ihm von seinen Erlebnissen und gelobt, nichts Böses mehr zu tun, wenn sein Schöpfer ihm eine Gefährtin erschafft. Frankenstein beginnt das Werk, bezweifelt jedoch bald die Richtigkeit seines Tuns, zerstört seine Arbeit und mit ihr die letzte Hoffnung des „Monsters“ auf Gemeinschaft. Jetzt ist dessen Rachedurst vollends entfesselt: Es tötet zuerst Viktors Freund Henri und später, in der Hochzeitsnacht, Viktors geliebte Elisabeth; Viktors Vater rafft deswegen der Kummer dahin. Nun jagt Frankenstein seine Kreatur, bis hinauf ins Eis des Nordens, wo er Walton begegnet und bald darauf entkräftet stirbt. Weitere Briefe des Seefahrers beenden den Roman, der vor hemmungslosem Forscherdrang warnt und die Wissenschaftler mahnt, nicht nur mögliche Folgen ihres Tuns genau zu bedenken, ehe sie es beginnen, sondern auch für alle diese Folgen die Verantwortung zu übernehmen. Hierin versagt Frankenstein kläglich: Er hat einen künstlichen Menschen geschaffen und diesen, statt ihn als Mitgeschöpf anzunehmen, einfach im Stich gelassen. Alle Verbrechen des unglücklichen Wesens sind so – nicht nur, aber auch - Folgen von Frankensteins Versagen.

Frankensteins „Monster“ wird verwehrt, als gleichberechtigtes Mitglied zur menschlichen Gesellschaft zu gehören. Es weiß nicht, wer oder was es ist. Durch Beobachtung, Lektüre und Nachdenken hat es genug über die Menschen gelernt, um sich verzweifelt zu fragen: „Aber wo waren meine Freunde und Verwandten? Kein Vater hatte meine Kindertage überwacht, keine Mutter mich mit ihrem Lächeln und ihren Liebkosungen beglückt. Oder falls es doch geschehen war, war jetzt mein ganzes früheres Leben ausgelöscht […]. Was war ich?“
In einer ganz ähnlichen Lage ist Dicks Garson Poole, der ebenfalls begreifen muss, wer er ist, für den ebenso alles Frühere ausgelöscht scheint – ein Auslöschen, dem Dick mit den Experimenten am Lochstreifen mehr als nur psychische Gestalt verleiht. Und wie Poole die Welt für sich und andere zerstört – im direkten, physischen Sinn -, so vernichtet Frankensteins „Monster“ die liebsten Mitmenschen, das Glück, die „private Welt“ seines Schöpfers, der am Ende an Bord von Waltons Schiff „verlischt“, so wie Pooles Geliebte Sarah und alles andere.
Auch ansonsten gleicht Frankensteins Geschöpf den hoch entwickelten „Kunstmenschen“ der späteren SF, wie seine Selbstbeschreibung im dreizehnten Kapitel zeigt: Es ist größer als ein Mensch, stärker, robuster, „behender“, vermag unter unwirtlichsten Bedingungen zu existieren und „konnte von gröberer Nahrung leben“. Zudem ist es intellektuell hoch begabt, denn es erwirbt ohne jede Hilfe all sein Wissen, selbst Kenntnisse über Literatur und Philosophie – ein selbstlernendes System par excellence.
Alle diese Wesen, bis hin zu den Androiden Data und Lore aus STAR TREK, suchen auf ihre Weise ihren Platz in einer Gemeinschaft. Geht diese Gemeinschaft nicht fair mit ihnen um, indem sie ihnen gleiche Rechte, Anerkennung und Mitgefühl vorenthält oder sie gar zu „Ameisen“, „Marionetten“, „Sklaven“ herabwürdigt, dann – so kann man bereits Mary Shelleys Roman verstehen – erwachsen daraus auch der Gemeinschaft negative Folgen.

Wovon träumen Androiden?
Im selben Jahr, als Philip K. Dick „Die elektrische Ameise“ schrieb, erschien sein Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ Bereits der Titel zeigt: Man sollte hier keine einfachen Antworten erwarten. Allein die Frage zu stellen impliziert, dass Androiden träumen könnten, und bringt so die „Kunstmenschen“ dem „echten Menschen“ näher. Der ist ja nicht nur ein „denkendes“, sondern auch ein „träumendes Ding“. Nicht von ungefähr zeigt Descartes in seinen „Untersuchungen über die Grundlagen der Philosophie“, wie der Traum die Realität des Realen in Frage stellt – ein Problem, das Dick im Roman ebenso beschäftigt wie die Frage, was einen Menschen ausmacht.
Dicks Nexus-6-Androiden sind nur durch den ausgeklügelten Voigt-Kampff-Test als solche zu identifizieren. Dabei wird die Empathie gemessen, das Mitgefühl, wie es im Roman heißt. Doch Rachael Rosen, ein Nexus-6-Modell, besteht den Test beinahe; fast hätte Prämienjäger* Rick Deckard, die zentrale Figur des Romans, sich geschlagen geben müssen. Andererseits hält Deckard seinen Kollegen Phil Resch zunächst für einen Androiden, weil diesem Mitgefühl zu fehlen scheint – doch Resch ist ein Mensch. Damit ist das wesentliche Unterscheidungs­merkmal zwischen Menschen und Nexus-6-Androiden in Frage gestellt.
Besonders die Tierliebe spielt hierbei eine zentrale Rolle (kein Wunder für eine Welt, in der die meisten Tierarten ausgerottet oder arg dezimiert worden sind). Tiere brauchen emotionale Wärme und Zuneigung, darum können Androiden sie nicht halten – ihnen gehen sie nach einiger Zeit ein. Das, finde ich, ist ein recht hintergründig gesetztes Merkmal des Nicht-Menschseins: Auch manche Menschen vernachlässigen ihre Haustiere ja so, dass diese eingehen, ganz zu schweigen vom Aussetzen oder Weggeben nach den berüchtigten „Weihnachts-Fehlkäufen“ oder vom Wegsehen, wenn es um Tierleid durch Massentierhaltung geht; man isst ja gern billiges Fleisch. Nein, tierlieb zu sein charakterisiert einen Teil der Menschen definitiv nicht.
Auf der anderen Seite zeigt Rachael Rosen, die mit Deckard geschlafen hat, die Reaktion einer eifersüchtigen Frau. Von den Prämien für die Tötung der ersten drei Androiden hat Deckard sich eine echte Ziege gekauft, was seinen Status enorm erhöht und ihn glücklich macht. Bitter stellt Rachael fest, zuerst käme für ihn die Ziege, dann seine Ehefrau und ganz zuletzt sie. Später tötet sie die Ziege, um Deckard damit zu verletzen. Zeigt das nicht, dass sie durchaus zu „menschlichem“ Verhalten in der Lage ist? Gewiss, Mitgefühl gehört zentral zur Empathie, aber diese ist in all ihren Facetten einfach die „Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Einstellung anderer Menschen einzufühlen“ (Duden-Fremdwörterbuch). Genau dazu ist Rachael bereit und fähig: Sie weiß, wie viel die Ziege Deckard bedeutet, also wählt sie gezielt dieses Objekt für ihre Rache. Manch ein Mensch hätte gewiss ebenso gehandelt.
Sehen wir weiter: Wie ist es mit der Fähigkeit, Kunst zu genießen und zu produzieren? Dave Holden, Deckards Kollege, hat kein Gespür für Dinge wie Opern, Deckard dagegen schon. Er bewundert die herrliche Stimme der Sängerin Luba Luft, die er während einer Probe zur „Zauberflöte“ hört. Doch Luba ist eine Nexus-6, die er töten soll; was allerdings Phil Resch an seiner Stelle tut. „Ich kann nicht mehr“, sagt Deckard daraufhin. „Sie war eine großartige Sängerin. Unser Planet hätte sie so nötig gehabt. Das alles ist so sinnlos!“
Hier spürt Deckard, wie sich seine Einstellung zu Androiden wandelt: Er fühlt sich zu Luba hingezogen. Resch hat dafür schnell eine Erklärung bei der Hand: bloße sexuelle Anziehung. Sex mit Androiden ist freilich eine Straftat, doch viele tun es - und als Deckard sich ebenfalls dazu entschließt, erkennt er keinen Unterschied zwischen dem Sex mit Rachael und dem mit seiner Frau. Auch dieses Unterscheidungsmerkmal fällt also weg.
Doch etwas gibt es, zu dem die Androiden tatsächlich keinen Zugang haben: den Mercerismus, der Menschen überall dazu bringt, mittels ihrer „Einswerdungsboxen“ sowohl miteinander zu verschmelzen als auch Mercers Erleben zu teilen. Wilbur Mercer vermochte es, durch Zeitumkehrung Tote ins Leben zurückzuholen, was streng verboten ist. Er wurde deshalb getötet, erstand wieder auf und muss nun sein Martyrium erleiden: Er steigt einen Berg hinauf, wird dabei mit Steinen beworfen und verletzt; auf dem Gipfel soll er sterben. (Die Parallelen zum Christentum sind hier offenkundig, ebenso wie Dicks Originalität beim Erfinden.)
Das alles jedoch, Mercers Leiden wie auch das Teilhaben seiner Zuschauer daran, wird schließ­lich durch den weltberühmten Talkmaster Buster Freundlich (einen Androiden!) als „Fake“ entlarvt: Der Aufstieg auf den Berg ist nur ein Film, in dem ein Schauspieler vor gemalten Kulissen agiert. Dieses Stück Realität, von Millionen erfahren, erweist sich als inszeniert; dass die Teilnehmer die Steinwürfe am eigenen Leib verspüren, ja sogar bluten, kann man als Effekt einer Massensuggestion erklären.
Trotzdem: Auch nach der Entlarvung glauben Menschen an Mercer, und er erscheint ihnen weiter, zum Beispiel dem „Spatzenhirn“ Isidore (der sympathischsten Figur des Romans). Ist also Religiosität (oder, allgemeiner: Glauben an etwas Größeres, Umgreifendes) das Merkmal des Menschen?
Deckard immerhin hat vom Mercerismus bisher wenig gehalten. „Du warst nie sehr für die Einswerdung, Rick, nicht wahr?“, fragt ihn seine Frau. - „Ich glaube nicht“, antwortet er.
Aber – typisch Dick! – selbst der Skeptiker muss am Ende (dran) glauben, denn Mercer erscheint nun auch ihm. Zuerst warnt er ihn vor einer Falle der Androiden und rettet ihm so das Leben; später hat Deckard, allein in der Einöde, ohne Einswerdungsbox, ein Mercer-Erlebnis, woraufhin er sagt: „Der einzige, der recht hatte, ist Mercer.“ Er glaubt sogar, sich in Mercer verwandelt zu haben, und meint: „Ich kann gar nicht mehr aufhören, Mercer zu sein.“ (Dazu lese man die folgenden Sätze von Meister Eckart, 1260 bis 1328, einem der großen christlichen Mystiker, mit denen sich auch Dick beschäftigte: „Alles, was der göttlichen Natur eigen ist, das ist auch ganz dem göttlichen und gerechten Menschen eigen. Darum wirkt solch ein Mensch auch alles, was Gott wirkt: Er hat zusammen mit Gott Himmel und Erde geschaffen; er ist Zeuger des ewigen Wortes, und Gott wüsste ohne einen solchen Menschen nichts zu tun.“)
Ist es also das, was nur dem Menschen eignet: ein wirkliches Gotteserlebnis zu haben? Aber einen solchen „Test“ bestehen nur wenige der „echten Menschen“ (zum Beispiel Phil Dick, glaubt man seiner Biographie und seinen Werken). Alle anderen müss(t)en in diesem Fall froh sein, wenn ihnen (uns) kein Prämienjäger sein Laserrohr unter die Nase hält …

 

Ameisen und Sündenfall
Ameisen dienen auch im Roman zum klärenden Vergleich. Rachael sagt: „Wir sind Maschinen, herausgestanzt wie Flaschendeckel. Es ist eine Illusion, daß ich – persönlich – existiere. Ich vertrete bloß einen Typus.“ Der Gedanke lässt sie schaudern. Deckard will sie trösten: „Ameisen empfinden so etwas nicht. Und die sind physisch völlig identisch.“ Aber sie weist den Ausweg zurück: „Ameisen empfinden überhaupt nichts. Punktum!“
Später kommt sie wieder auf das Thema zu sprechen: „Androiden können keine Kinder bekommen. […] Wie ist das, ein Kind zu bekommen? Was für ein Gefühl ist das Geborenwerden überhaupt? Wie werden nicht geboren; wir wachsen nicht auf; wir sterben nicht an Krankheit und Alter, sondern wir nutzen uns einfach ab wie Ameisen. Wieder die Ameisen. Ja, so sind wir. Nicht du – ich meine mich. Auf Reflexe reagierende Maschinen aus Chitin, die nicht richtig lebendig sind. […] Ich lebe nicht!“
Haben wir es jetzt? Unterscheidet das den Menschen vom Androiden: ein Wesen zu sein, das geboren wird, aufwächst, Kinder bekommen (oder zeugen) kann, an Krankheit und Alter stirbt? - Aber das trifft auch auf viele Tiere zu, somit wäre die Frage nur durch eine andere ersetzt: Was unterscheidet den Menschen vom Tier?
In der biblischen Geschichte vom „Sündenfall“ essen Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse (der Zusatz wird oft vergessen). Nun können sie Gut und Böse unterscheiden, besitzen Moralität. Diese, nicht die Intelligenz, unterscheidet den Menschen vom Tier, heißt es. Das mag stimmen – aber könnte man Androiden nicht auch Moralität einprogrammieren? Oder Androiden erschaffen, die selbstständig - wie Frankensteins „Monster“ – ein Gefühl dafür erwerben? Dass das unglückliche Wesen die Moral später verwirft, ist kein Argument gegen sein Mensch-Sein, und dass Dicks Androidin Pris einer Spinne systematisch vier Beine abschneidet, kann ebenso wenig als Beweis für Nicht-Menschlichkeit gelten. Beides tun Menschen auch.

„Auch die elektrischen Dinge haben ihr Leben, selbst wenn es nur ein schwacher Abglanz von Leben ist“, lässt Philip K. Dick seinen Rick Deckard gegen Ende des Romans denken. Nun, einen Menschen, durch dessen Körper Bioströme fließen, kann man durchaus als (auch) „elektrisches Ding“ sehen; und gewiss durchleben viele Menschen Zeiten, in denen ihr Dasein ihnen nur als „schwacher Abglanz von Leben“ erscheint. Wer also ist dann Android – Nicht-Mensch - „elektrische Ameise“?
Oder sollte man besser fragen: Wer ist keine? Eine Antwort könnte lauten: Der nicht, der sich bewusst ist, dass andere ihn als „Ameise“ behandeln, und der darunter leidet. Denn darin besteht die Tragödie der (elektrischen) „Ameisen“ - sich als menschliche Wesen zu begreifen, aber von den „echten Menschen“ nicht als solche angenommen zu werden. Tragödie heißt: seinem Schicksal nicht ausweichen zu können, obwohl man es nach Kräften versucht, so wie Frankensteins Geschöpf oder Dicks Androiden. Tragödien dieser Art erleben wirkliche Ameisen wohl nicht.


* Sollten dieses und andere Wörter ungewohnt klingen: Ich benutze die Übersetzung von Norbert Wölfl, die 1997 in 2., neu durchgesehener Auflage im Haffmanns Verlag erschien.

Die Zitate aus Mary Shelleys „Frankenstein“ sind der Neuübersetzung von Ana Maria Brock (Verlag Das Neue Berlin 1987) entnommen. Aus „Die elektrische Ameise“ wurde zitiert nach der Übersetzung von Clara Drechsler in: Philip K. Dick, Der unmögliche Planet. Stories, Wilhelm Heyne Verlag, München 2002.

NB: Ich weiß, ich müsste mindestens noch auf Dicks „Simulacra“ und „Die Lincoln-Maschine“ (We Can Build You) eingehen, aber der Beitrag ist ohnehin schon recht lang geworden … Ein anderes Mal vielleicht.

© 2018 by Peter Schünemann