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Wer Wissenschaft und Kunst besitzt ..."

(Nachtrag zur Ethik-Stunde vom 24.10. über Schiller, Kant und Goethe)

 

Goethe schreibt in den „Zahmen Xenien“:
 

Wer Wissenschaft und Kunst besitzt,
Hat auch Religion;
Wer jene beiden nicht besitzt,
Der habe Religion.

Um unser Gespräch dazu noch etwas zu vertiefen, hier einige weitere Überlegungen:
Der Wissenschaftler erforscht die Natur, um sie zu verstehen (und zu nutzen – aber nicht, um sie auszubeuten oder zu vernichten). Durch das Erkennen der Natur („was die Welt / Im Innersten zusammenhält“, Faust I) erkennt er auch sich selbst besser, denn auch er ist ein Wesen der Natur; und er erkennt seine Einheit mit allem Seienden, sein „Eingebundensein“ in die Natur. Aus dem Sich-Wundern über das, was man erlebt, aber nicht versteht, wird Verstehen – aus dem Verstehen aber wiederum ein Sich-Wundern auf höherer Stufe, ein Bewundern.
Der Künstler seinerseits erforscht nicht Wunder, er erschafft sie – Kunstwerke – und fühlt so auf seine Weise das Einssein mit allem, mit der Welt; mit seinem Kunstwerk antwortet er auf die Welt, steht in einem Dialog mit ihr. An diesem Dialog nimmt auch der Rezipient von Kunst (Leser, Hörer, Betrachter) teil, der ihm einerseits lauscht und ihn andererseits bereichert, um Deutungen und um seine Art des Verstehens, die oft wiederum den Künstler selbst erstaunen lässt (oder lassen würde, erführe er davon). Jeder interpretiert ein Kunstwerk anders, gemäß dem, was er erlebt, erfahren und erkannt hat. Keines Menschen Staunen über Kunst ist also genau gleich dem eines anderen.
Beide Arten der Welterschließung führen – behutsam, nicht zerstörerisch, nicht nach Macht strebend ausgeübt – zu einem neuen Verhältnis zur Welt, in dem diese selbst als Wunder und als heilig angesehen wird. Das Heilige (wie auch Hans Jonas es in „Das Prinzip Verantwortung“ fordert) muss das Unantastbare und Unangetastete bleiben. Der Mensch soll nichts tun, was das Wunder Welt (zu dem auch der Mensch gehört) in seinem Wesen verletzt, bis zur Unkenntlichkeit verändert oder zerstört.
Versteht man Wissenschaft und Kunst so, ist Religion im eng verstandenen Sinn (ganz bestimmte Gottheiten, heilige Schriftn, Riten, Gemeinschaft der Gläubigen, Morallehre) nicht mehr nötig. Der Mensch, den Goethe hier betrachtet, ist „im fühlenden Kontakt mit sich [und hat] damit Kontakt zur Welt […]. Dies schließt stets solidarisches Mitgefühl, Respekt und Toleranz zu anderen Menschen, zum Leben und zur Natur mit ein“ (Hans-Joachim Maaz, Der Gefühlsstau, Berlin 1991, S. 59). Damit wäre der Sinn von Religion erfüllt. Wer aber zu Wissenschaft und Kunst nicht das Verhältnis hat, wie Goethe es versteht (sie nicht „besitzt“) - der soll „Religion haben“, um genau das zu erfahren, was der Wissenschaftler und Künstler erlebt und dann entsprechend zu handeln: staunend und ehrfurchtsvoll vor den Wundern der Welt, zu denen er selbst ebenso gehört wie seine Mitgeschöpfe.
„Besitzen“ ist dabei jedoch nicht ein statisches Haben, also das Anhäufen von Schätzen der Wissenschaft und Kunst, sondern lebendiges, handelndes Sein des Menschen:

„Was du ererbt von deinen Vätern hast,
Erwirb es, um es zu besitzen“

lässt Goethe Faust in der Szene Nacht (Faust I) sagen und drückt damit eben dieses Element aktiven Sichzueigenmachens aus: nicht einfach nur nehmen, sagen „So, das habe ich jetzt!“ und es dann irgendwo „ablegen“ (z. B. in den berüchtigten „Schubladen“ des Geistes). „Erwerben“ bedeutet Entwickeln, Fortführen, Hinzutun, zur Wissenschaft wie zur Kunst. Erst dann „besitzt“ man es, d. h.: kann man schöpferisch damit umgehen und Freude daraus gewinnen (unabhängig von dem messbaren Nutzen, den dies vielleicht auch hat).
Das tut auch der Laie, der Wissenschaft wie Kunst nicht nur rezipiert, sondern selbst ausübt, so gut er kann. „Dilettieren“ war zu Goethes Zeiten kein negativer Begriff, ebenso wenig wie „Dilettant“ – das Wort bezeichnete im Gegenteil positiv den Nicht-Fachmann, der eine Sache um ihrer selbst willen ausübt, aus Freude und Leidenschaft, und der es auch ohne eine Ausbildung oder berufliche Ausübung dieser Sache zu Kenntnissen und Fertigkeiten bringt. Dies gilt heute genauso wie damals. (Leider hat die abwertende Bedeutung „Stümper“ das Wort in Verruf gebracht). Also: Auch wer nicht perfekt in einer Kunst oder Wissenschaft ist und vielleicht nie Anerkennung für seine Leistungen ernten wird, kann, darf und sollte in ihr dilettieren, um das erleben zu können, was Goethe mit „besitzt“ meint und was sich als Folge dieses Besitzens einstellt. Am ehesten könnte man es mit dem Wort „Freude“ beschreiben. Spaß darf natürlich gern auch dabei sein, doch Freude ist mehr als Spaß (und entsteht bisweilen gerade dann, wenn etwas keinen, wenig oder nicht nur Spaß gemacht hat und dennoch gelungen ist).
Und damit schließt sich der Kreis wieder hin zu Schillers Konzept der „schönen Seele“: Der gute Mensch, das sittliche Wesen, hat Freude am moralischen Handeln und tut das Gute, weil er oder sie gar nicht anders kann.

© by Peter Schünemann, 24.10. 2018

 

 

Einige Tage nachdem ich diesen Text auf der Website veröffentlicht hatte, erreichte mich erreichte mich der Kommentar einer ehemaligen Ethik-Schülerin dazu: Katharina Möbius, die sich seit ihrem Abitur das Ihre an Wissenschaft und Kunst angeeignet hat, als Studentin und per eigener Praxis. Sie machte mich auf etliche offene Fragen zu meinem Text aufmerksam. Dafür bedanke ich mich und veröffentliche nun mit Katharinas Erlaubnis ihren Kommentar als notwendige Ergänzung und als Korrektiv zu meinen Überlegungen.

 

Alles eine Frage der Haltung?

(Ein Kommentar zu Peter Schünemanns „Nachtrag zur Ethik-Stunde“)

 

„Versteht man Wissenschaft und Kunst so [d. h. als Arten der Welterschließung, die mit der Religion die Elemente des Staunens, der Ehrfurcht, des Behutsamen und des Verantwortungsvollen teilen], ist Religion im eng verstandenen Sinn […] nicht mehr nötig.“ Niemand ist demnach mehr auf Religion als Art der Welterschließung beschränkt, jeder kann wählen, welche Art ihm am nächsten liegt. Nicht das Sich-Entledigen von Religion, sondern die Darstellung wirklicher Alternativen zu ihr steht in Schünemanns Text im Fokus.

Kunst und Wissenschaft sollen, sofern sie „behutsam, nicht zerstörerisch, nicht nach Macht strebend“ ausgeübt werden, zu einem neuen, positiv besetzten Weltverhältnis führen und eine Haltung der Ehrfurcht und Verantwortung ermöglichen. Die starke Restriktion auf diese spezielle Ausübungsweise bzw. die bereits mitzubringende Grundhaltung erscheint nicht unbegründet in Anbetracht der grausamen Experimente Josef Mengeles oder der mit menschenverachtenden Inhalten gefüllten Diss-Tracks Farid Bangs (JBG3). Allerding stellt sich auch die Frage, ob dadurch nicht ein zu enger Begriff von Kunst und Wissenschaft gefordert wird.

Was, wenn es in der Kunst nicht um das Weltverhältnis, sondern schlichtweg um das Neue geht, oder um den Raum der Anarchie, den sie eröffnet? Nicht umsonst sind die Wertemaßstäbe "Ästhetik" und "Moral" verschieden. Kunst muss nicht moralisch oder nutzorientiert sein – ein antisoziales Kunstwerk ist immer noch ein Kunstwerk. JBG3 steht, wie seine Vorgänger, mittlerweile auf dem Index (richtig so!) -- aber die Frage, was daran bitte Kunst sein soll, ähnelt dem Verhältnis zur abstrakten, "entarteten" Kunst, als sie noch in ihren Anfängen lag. Und: außerhalb der Kunstwelt sind Diss-Zeilen wie abstraktes Pinselwerk ("Das hätte ja auch mein Kind malen können!") keine Kunst, sondern Beleidigungen und Farbe auf Papier. Indem wir es über künstlerische Identifikation, Kunsttheorien und andere Praxis in die von uns geschaffene Kunstwelt integrieren, machen wir es erst zum Kunstwerk. Nach Arthur Danto gehe es beim Durchbruch in der Kunstwelt darum, die Stilmatrix, welche hypothetisch alle bisher anerkannten künstlerischen Prädikate zu Stilrichtungen zusammenführt, um ein weiteres, nicht vorher dagewesenes Prädikat zu erweitern. Nun wird aber das Künstlerisch-Tätig-Sein auf das rein formale Erweitern herunter gebrochen. Man könnte auch sagen: Wichtig ist nicht das Verhältnis zur Welt, sondern das Verhältnis zur Kunstwelt.

Ähnlich könnte für die Wissenschaft argumentiert werden: Wichtig ist nicht das Verhältnis, das man zur Welt hat, sondern die Integrierbarkeit der (neuen) Theorie in den bereits bestehenden Theoriekomplex (Kohärenztheorie). Fortgesetzte Irrtümer oder starre wissenschaftliche Konstrukte verlangen jedoch die Ergänzung um das Kriterium der Nützlichkeit (Pragmatismus). Theorie X liefert mehr Anwendungsmöglichkeiten (oder: lukrativere) als Theorie Y, also: Es gelte X!

In diesem Kontext zeigt sich der Ansatz Schünemanns nicht nur als Einschränkung, sondern auch als Chance – diese liegt im emanzipatorischen Potential der individuellen Aneignung der Welt.

 

In "Habe Mut, dich deiner eigenen Anschaung zu bedienen. Phänomenologie und Emanzipation" schreibt Philipp Thomas: "Die Kompetenz der Emanzipation meint [...] die Selbstentlassung aus der (bequemen) Bevormundung durch eine Autorität, die sagt, was und dass Wirklichkeit eigentlich sei." Es gehe darum, sich vom Deutungsmonopol wissenschaftlicher Expertenkultur und populärwissenschaftlicher Ratgebung zu befreien, indem man die eigene Anschauung und das eigene Erleben entdeckt, aufwertet und als Stimme in die Diskussion um die Wirklichkeit einbringt. Die Emanzipation von reduktionistischen Modellen der Wissenschaft kann aber auch auf die Emanzipation von Theorien der Kunstwelt ausgeweitet werden. Wichtig ist nun nicht mehr, als was das Werk in welchem Kontext gilt, sondern wie es auf jeden Einzelnen von uns wirkt. In diesem Sinne kann man wieder den Bogen schlagen zur persönlichen Auseinandersetzung mit der Welt über Kunst und Wissenschaft, wie Schünemann es in seinem Text beschreibt.

Nun haben Goethes Zeilen auch einen starken Fokus auf der Moral, der aus dem Individuum selbst und seinem Verhältnis zur Welt kommenden. In Schünemanns Text klingt es ja schon an, hier sei es nur etwas deutlicher formuliert: Im Einssein mit der Welt und dem Heiligen, Unantastbaren und Unangetasteten daran wird ein mystisches Element deutlich. Im persönlichen Bezug über das Fühlen, Erforschen, Erschaffen wird dieses miterzeugt. Eine Kunst, eine Wissenschaft, selbst eine Religion kann nicht zur Moral taugen, wenn es nicht mit enthalten ist. Dann wäre alle Handlung nur pflichtgemäß, käme aber nicht "aus mir selbst heraus". (Kant berührt das Phänomen der Moralität mit dem Inneren Gesetz, dem Handeln aus Pflicht -- aber nur aus der Perspektive des Logos heraus.)

In "Moralerziehung in einer pluralistischen Gesellschaft. Kulturelle Erfolgsbedingungen und Grenzen" schreibt Wolfgang Brezinka, dass die Motivationskraft von Moral primär emotional und von der Außenunterstützung durch Gleichgesinnte abhängig sei. Man müsse sich in einen Ethos hinein habitualisieren, und mehr noch (hier führt er Nietzsche an): "Jede rein moralische Wertsetzung [...] endet mit Nihilismus: dies für Europa zu erwarten! Man glaubt mit einem Moralismus ohne religiösen Hintergrund auszukommen: aber damit ist der Weg zum Nihilismus notwendig." Nietzsche trennt dabei das mystische Element vom Moralismus; fraglich ist, inwiefern es die vom Moralismus zu unterscheidende (individuelle) Moral von Außerhalb unterstützt oder ob die Moral durch das mystische Element selber entsteht, wie bei Goethe. (Könnte Nietzsche damit das Mythos-Pendant zum „Handeln aus Pflicht“ Kants liefern?)

Folgerichtig müsste doch der Imperativ lauten: Öffne dich in deiner Haltung für das mystische Element! – Denn dieses liegt ja dem Goethe'schen Verständnis von Kunst, Wissenschaft und Religion zugrunde. Dafür aber müsste man sich erst seiner eigenen Anschauung reflektiert naiv bedienen lernen. Das ist gar nicht so einfach ... Die Wissenschaft ist längst die neue Ersatzreligion geworden in puncto Deutungsautorität; der Logos triumphiert. Die Wissenschaft hält auch kein Wunder mehr für den Menschen bereit, irgendwie ist alles schon bekannt, erklärt, googlebar, und wenn nicht, dann ist es so fern vom eigenen Horizont, dass man sich auch nicht damit abgeben muss. Technologie und Gesetze befreien den Menschen mitunter auch von Ängsten, etwa der im Dunkeln; der Kontakt damit scheint umgangen zu werden. Insgesamt gesehen findet sich der Mensch des 21. Jahrhunderts in Strukturen wieder, die für ihn ein persönliches Verhältnis zur Welt überflüssig machen. Im Sinne der Emanzipation lässt sich hier keine Haltung, kein Konzept diktieren; auch wenn das Bekanntmachen mit Alternativen über die Bildungswege und ein durch ein Kollektiv unterstütztes Einüben und Reflektieren einer entsprechenden Haltung förderlich sind – der Entschluss und die Umsetzung liegen nach wie vor bei jedem Einzelnen selbst.

© by Katharina Möbius, 10.12.18

 

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