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Ronooms Jagd und andere Science-Fiction-Geschichten (Edition JFF Halle, 2012)

© by Mario Franke, 2012
  • 210 Seiten
  • ISBN-10: 3000384308
  • ISBN-13: 978-3000384301



Backcover-Text:

Ob in den Tiefen des Weltalls oder den Abgründen der Zeit, überall werden Peter Schünemanns Helden mit dem Ungewöhnlichen konfrontiert, dem Unerwarteten. Manchmal sind es düstere Visionen - einige seiner Geschichten nannte man bereits "böse" -, aber es finden sich auch solche mit Happy End. In 16 z.T. vorher unveröffentlichten Kurzgeschichten stellt der Autor seine Sicht auf Weltraum- und Zeitreisen, alternative Realitäten und nicht zuletzt auch Ethik und Religion dar.

Wer Fragen zu den Büchern hat, schicke mir einfach eine E-Mail, an

Peter.Schuenemann@gmx.de

 

Leseprobe:

 

 

Heldin

 

Der Oberste Krieger konnte kaum fassen, was er eben mitangesehen hatte, doch das Ergebnis sprach für sich: Hier, vor seinen Füßen, lag am Rande des steilen Felssturzes ein toter Myachin; ein weiterer ruhte zerschmettert auf dem Grund der Schlucht.
Die Bestien hätten nicht hier draußen sein dürfen. Man fing sie unter großen Gefahren lebend, damit die jungen Krieger der Khunt im Kampf gegen sie ihre Mannbarkeit beweisen konnten, drinnen in den Höhlen, die ein verzweigtes Labyrinth voller schroffer Steine und Schatten bildeten. Drei Myachin galt es dort zu erlegen; und auch die Jungen waren nur zu dritt.
Allein Tanith, der keuchend vor ihm stand, hatte diese letzte Prüfung fast unbeschadet durchlaufen. Jetho war unter den Klauen eines Myachin gestorben, hatte ihn aber mit sich genommen; Umar lag schwer verletzt auf der Krankenstation. Falls er überlebte, wäre der Ausgang des Kampfes akzeptabel; doch das war dieses Mal nicht das Verdienst der Khunt.
Wäre auch nur ein Myachin entkommen, wäre der Planet verloren gewesen. Jeder von ihnen konnte auch ohne Partner weibliche und männliche Nachkommen hervorbringen, und war das erst einmal geschehen, ließ sich ihre Lawine nicht mehr aufhalten: Binnen weniger Jahre gab es Hunderte Nester, und die Myachin dominierten die eroberte Welt. Sie waren nicht nur schnell und stark, sondern – für eine niedere Spezies – auch recht schlau. Überlebenskünstler, die man nur deshalb unter Kontrolle halten konnte, weil sie Einzelkämpfer waren, wenig freundlich selbst ihren Artgenossen gegenüber.
Aber nun hatten zwei von ihnen kooperiert, um aus den Höhlen zu entkommen; der Bericht des jungen Kriegers ließ daran keinen Zweifel. Und hätte der dritte Myachin sich diesem Bund angeschlossen, wäre auch für Tanith das Spiel aus gewesen.
Doch etwas anderes den Obersten Krieger erschütterte noch viel mehr. Ungläubig starrte er die fremde Frau an, die sich im Hintergrund hielt, bescheiden, aber angespannt und wachsam. Sie gehörte der dominanten einheimischen Spezies an, den tvan’a, die von sich meinten, sie seien die Herren dieses Planeten. Das hatte die Khunt gelegentlich amüsiert, aber noch nie gestört. Sie hielten ihre Zeremonien da ab, wo ihre heiligen Orte nun einmal waren; Khunt mussten nicht fragen, und wer meinte, sie müssten es doch, der starb. Unweigerlich. Es gab im bekannten Universum nur eine andere Art, die ebenso tödlich war: Myachin. Doch auch die fragte kein Khunt um Erlaubnis, bevor er sie tötete.
Und auch die Myachin kümmerte es nicht, ob die Übernahme eines ganzen Planeten jemandem passte oder nicht. Sie töteten, fraßen und vermehrten sich. Als Gegner betrachteten sie nur die Khunt; falls sie überhaupt betrachten konnten. Ein Myachin konnte nur von einem Khunt besiegt werden; und umgekehrt. Das war fast ein Naturgesetz. Alle Wissenschaft bestätigte es, alle Mythen erzählten davon.
Nun, vielleicht begann hier und heute ein neuer Mythos ...
„Erzähle den Kampf“, forderte der Oberste Krieger den jungen Mann auf, wie es Brauch war.
Tanith nickte, kurz, beherrscht, doch hinter der knappen Geste war seine Erregung zu spüren.
„Die beiden kamen dort heraus.“ Er deutete auf den versteckten Höhlenausgang. „Ich folgte ihnen. Die Frau war da.“ Seine Hand schwenkte zu einem Felsblock hinüber, um den verstreut Ausrüstungsgegenstände lagen. „Ein Myachin stürzte sich auf sie.“ Wink zur Schlucht, die hier fast tausend Meter steil abfiel. „Sie wich aus, gab ihm in der Drehung mit dem Schwert einen Hieb, schickte ihn hinunter. Der andere ging auf mich los. Schlug mir die Lanze aus der Hand. Ich kämpfte mit dem Messer weiter. Die Frau nahm meine Lanze. Stach sie ihm in den Rücken, löste den Strahl aus. Er war tot.“
Die Krieger, die dem Gespräch zuhörten, murmelten aufgeregt. Immer wieder gingen prüfende Blicke zu der Fremden hinüber. Gut, sie war für ihre Art recht groß gewachsen und auch ziemlich kräftig; die Muskeln an Armen und Beinen waren beeindruckend. Doch die tvan’a zählten zu den schwachen Rassen, weich, verletzlich. Sie töteten am liebsten aus der Ferne, so dass der Gegner sie nicht mehr erreichen konnte – Feiglinge. Schnell beim Morden, aber dem ehrlichen Kampf wichen sie aus. Vor langen Zeiten, während früherer Besuche der Khunt auf diesem Planeten, war das noch anders gewesen: Kämpfe mit primitiven Keulen, mit Steinklingen, Bronzeschwertern, schließlich mit Stahl. Lange vorbei; heute waren tvan’a ängstlich und hinterlistig. Eine Rasse von Sklaven schon immer - nun aber eine verachtete Rasse von Sklaven. Solche warf man den gefangenen Myachin zum Fraß vor, damit die schnell stärker wurden.
Aber nun hatte eine ihrer Frauen zwei Myachin getötet – in einem einzigen Kampf, Mensch gegen Bestie. Das grenzte an ein Wunder.
„Du!“ Der Oberste Krieger winkte der Frau, sie kam näher, ihr Schwert – keine Fernwaffe, sondern guten, scharfen Stahl - in der Rechten. Ihre Haltung war stolz, den Kopf trug sie erhoben. „Wie ist dein Name?“
Der Translator spie die Worte schnarrend hin, doch sie ließ sich nicht davon beeindrucken.
„Su-Senn.“ Mehr sagte sie nicht; wie jeder wahre Kämpfer machte sie nur die nötigen Worte.
„Su-Senn. Du hast zwei der Myachin“ -„Ungeheuer“, übersetzte das Gerät – „getötet.“
„Ich habe eurem Mann geholfen und er mir.“
Beifälliges Murmeln. Weder übertrieb sie, noch tat sie bescheiden – sie sagte nur, was gewesen war, ganz nach Art eines Kriegers.
Sie müssen ja nicht wissen, dachte Susan Di Laurio, dass ich verdammt viel Glück hatte. Gut, nicht nur Glück. Aber eine ordentliche Portion davon.
Von Beruf war sie Abenteurerin; ihren Lebensunterhalt verdiente sie mit dem Führen von Expeditionen und ähnlichen Dienstleistungen. Waffen hatte sie immer bei sich, doch es war wirklich Glück, dass sie gerade ihre neue Ninjaklinge ausprobierte, als dieses … Ding auftauchte. Und ihre schnelle Reaktion: Training. Dem Biest auszuweichen, es über den Rand der Schlucht halb zu kicken, halb zu schlagen: Training plus sehr viel Glück. Und beim zweiten Biest? Das hatte gegen diesen – wie auch immer – gekämpft. Der sah zwar auch bestürzend fremd aus, aber doch wenigstens annähernd humanoid. Das Ding dagegen ähnelte eher einem Alptraum aus Muskeln, Krallen und schwarzen Schuppen. Mit wem sie sich verbünden musste, lag da wohl auf der Hand; auch wenn jeder mögliche Sieger sie als Nachschlag betrachten konnte. Die Lanze, die dem … Mann? aus der Hand fiel, schien die passende Waffe zu sein, um die zähe Haut des Viechs zu knacken. Sie nehmen, hineinrammen in das Biest – das Werk zweier Augenblicke. Dann, als nichts passierte, den Knopf drücken, den sie plötzlich entdeckte. Das war’s; alles richtig gemacht. Instinkt. Und wieder Glück.
Nun stand sie also den Gefährten des Jungen gegenüber, dem sie geholfen hatte; „Junge“ nannte sie ihn deshalb, weil er ein wenig kleiner und schlanker war als die anderen, weniger Narben und weniger Trophäen mit sich umher trug. Sie lebte noch: gut. Schien die Kerle beeindruckt zu haben: auch gut. Trotzdem behielt sie das Schwert lieber in der Hand.
„Du bist tapfer“, sagte der Oberste Krieger.
„Er auch.“ Sie nickte zu dem Jungen hinüber.
„Ja. Aber er ist Khunt. Du bist Men-schenn.“
Da widersprach man wohl besser nicht; auch wenn es nicht wie ein Kompliment klang.
„Wir ehren Su-Senn!“, rief der Oberste Krieger plötzlich laut, es hallte unten in der Schlucht wider. „Ruhm! Eine Men-schenn-Frau hat zwei Myachin getötet!“
Die Khunt stimmten einen wilden Gesang an, den der Translator nicht übersetzte, und tanzten umher, wobei sie ihre Waffen schwangen. Es war unstrittig das großartigste Erlebnis im Dasein von Susan Di Laurio, wenngleich auch das abnormste. Oder vielleicht gerade deshalb.
Am Ende des Tanzes stand der Oberste Krieger dicht vor ihr. Die Rechte ließ er schwer auf ihre Schulter fallen – sie spannte die Muskeln an, biss die Zähne zusammen und hielt stand -, mit der langen Daumenkralle der Linken verpasste er ihr zwei Schnitte, den kürzeren schräg auf die Mitte des längeren gesetzt. Sie gab keinen Laut von sich, zuckte nicht einmal. Man erlebte in ihrem Beruf Schlimmeres.
„Krieger Su-Senn. Ich bin Rathar, Oberster Krieger.“
„Oberster Krieger Rathar. Ich bin Krieger Susan.“ Aufs Geratewohl geantwortet, aber es schien zu passen, denn seine Gesichtszüge gruppierten sich zu etwas, das durchaus ein Lächeln sein konnte.
Dann hob er die Lanze auf, die der Junge hatte fallen lassen, und gab sie ihr.
„Gebrauche sie gut.“
„Das werde ich.“ Sie nahm die Waffe langsam und mit einer leichten Verbeugung entgegen.
Dann stand der Junge vor ihr.
„Su-Senn. Ich bin Tanith.“
„Tanith. Ich bin Susan.“
So ging es weiter, bis sich der ganze Trupp, alle zwölf, mit ihr – hm, verbrüdert? hatte.
Dann geschah das – vielleicht – Verblüffendste: Die Khunt stießen noch einmal einen Schrei aus, der sich ebenso unheimlich wie beeindruckend zwischen den Felsen brach, und verschwanden danach urplötzlich. Beinahe hätte Susan nun doch aufgeschrieen, wenn auch nur vor Verwunderung, aber sie beherrschte sich wieder, stand starr wie eine Statue – vielleicht sahen sie ihr ja zu. Und belauerten ihre Reaktionen.
Gleich darauf war alles so, als wäre hier nichts geschehen. Susan schaute zum Höhlen­eingang, der dunkel vor ihr lag: Was, wenn es da drin noch mehr von diesen Dingern gab? Müsste sie nicht nachsehen – sicherheitshalber?
Ihre Nackenhärchen richteten sich auf; ein untrügliches Zeichen, dass sie es lieber lassen sollte. Aber man konnte nie wissen … nur ein paar Schritte hinein …
„Ich bin total bescheuert“, murmelte Susan Di Laurio, als sie in die Höhle eindrang, die seltsame Lanze in der einen, ihr Schwert in der anderen Hand.
Mochte diese Khunt ihr ruhig zuschauen. Sie würden keinen Feigling sehen.

Erst als der Frau-Krieger Su-Senn von den Schatten des Berges verschluckt wurde, schalteten die Khunt den Bildschirm in der Zentrale des Raumschiffes ab. Beinahe noch unglaublicher als der Kampf erschien ihnen, dass diese Frau nun allein in das Dunkel ging, wo durchaus noch mehr Myachin sein könnten.
Eine Weile schwiegen die Krieger miteinander, noch ganz unter dem Bann des Ereignisses.
„Sie ist stark“, sagte Rathar schließlich.
Zustimmendes Gemurmel.
„Und mutig“, ergänzte Kulvek.
„Eine wie sie kämpfte noch nirgends.“
Auf Khuntor wurden die Namen der Helden, die zwei Myachin auf einmal besiegt hatten, schon von den Jüngsten auswendig gelernt. Eine kleine Mühe; es war keine lange Liste.
„Die Men-schenn wachsen“, sagte Tanith; bewusst wählte er das neue Wort. Eine Rasse, die solche Krieger hervorbrachte, durfte nicht länger einen Sklavennamen tragen.
Der Oberste Krieger nickte zustimmend und sprach aus, was alle dachten: „Vielleicht ist die Zeit gekommen.“
Die Khunt waren eine alte, kampferprobte und siegreiche Kultur; aber sie zählten nur noch nach Zehntausenden; und die Myachin vermehrten sich weitaus schneller als sie.
Rathar dachte an die Hoffnungen, die im Vergangenen so oft getrogen hatten. Würde es diesmal anders sein? Man musste abwarten ...
Das Stückchen Haut, das er Su-Senn aus dem Gesicht geschnitten hatte, befand sich schon im genetischen Labor. Bald würde es mehr geben von ihrer Art: hoffentlich Kriegerinnen. Denn dann würde man sie eines Tages auf diesen Planeten bringen – und zugleich mit ihnen einige Myachin. Ein Experiment. Ging es ungünstig aus, konnte man diese Welt immer noch atomisieren. Aber wenn es gelang: Eine Rasse, die das überlebte, wäre wahrhaftig ein guter Verbündeter.

 © by Peter Schünemann, 2010