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Ronooms Jagd und andere Science-Fiction-Geschichten (Edition JFF Halle, 2012)

© by Mario Franke, 2012
  • 210 Seiten
  • ISBN-10: 3000384308
  • ISBN-13: 978-3000384301



Backcover-Text:

Ob in den Tiefen des Weltalls oder den Abgründen der Zeit, überall werden Peter Schünemanns Helden mit dem Ungewöhnlichen konfrontiert, dem Unerwarteten. Manchmal sind es düstere Visionen - einige seiner Geschichten nannte man bereits "böse" -, aber es finden sich auch solche mit Happy End. In 16 z.T. vorher unveröffentlichten Kurzgeschichten stellt der Autor seine Sicht auf Weltraum- und Zeitreisen, alternative Realitäten und nicht zuletzt auch Ethik und Religion dar.

"Ronooms Jagd" kann bei mir bestellt werden,  zum Preis von je 6 Euro plus Versandkosten (1 € für Büchersendung). Die Bestellung erfolgt einfach über E-Mail, an

Peter.Schuenemann@gmx.de

Betreff: Buchbestellung … (Titel)

 

Leseprobe:

 

Durchbruch

 

Gerd Bien, leitender Ingenieur beim Tunnelbau der A 18, fühlte sich unwohl. Da ihm dieser Zustand in den letzten Wochen in Fleisch und Blut übergegangen war, ignorierte er ihn zunächst. Als ihm jedoch klar wurde, wieso er diesmal den dumpfen Druck im Magen verspürte und woher seine schweißfeuchten Hände rührten, kämpfte er einen kurzen Kampf mit sich, ehe der Mensch in ihm siegte und er seinen Chef, Dr. Bernhard Würmler, Inhaber der Firma „Würmler Brücken und Tunnel“, am Jackettärmel zupfte.
Würmler wandte sich um. „Ja?“, fragte er sehr ungnädig, erstens, weil man ihn zu stören wagte, zweitens, weil es Bien war. „Was gibt es?“
„Herr Doktor Würmler“, der Ingenieur schluckte Speichel und Feigheit hinunter, „ich wollte nur nachfragen, ob es auch wirklich“, na los! feuerte er sich im Stillen noch einmal an, „äh, wirklich sicher ist. Ich meine …“
„Was Sie meinen, Bien“, erwiderte Würmler eisig, „habe ich mir doch vier Wochen lang ruhig angehört. Nicht wahr?“
Der Ingenieur senkte den Kopf. Er hätte auf diese Antwort wetten sollen. Er hätte gewonnen.
Die Firma war im Verzug, ausgerechnet bei diesem wichtigen Regierungsauftrag. Der Durchbruch durch den Berg, den letzten auf der Trasse der fast fertigen A 18, hätte eigentlich fast geschafft sein müssen. Aber in den letzten Wochen, kurz vor dem Ziel, hatte es Hindernisse über Hindernisse gegeben: Maschinen gingen kaputt, Werkzeuge nutzten sich schneller ab als üblich, Wassereinbrüche vertrieben die Leute, Sprengladungen zündeten nicht, Transport-LKW fielen aus … Die Mannschaft murmelte schon vom Fluch des Berges. Aberglaube – obwohl, merkwürdig genug war sie ja, diese Pannenserie kurz vor Abschluss des Projekts. Problematischer jedoch fand Gerd Bien, dass der Ministerpräsident inzwischen täglich bei seinem Chef anrufen ließ, ob der Eröffnungstermin noch zu halten sei, und dass Dr. Bernhard Würmler den Frust des hohen Herren an seinen Leitenden weiterleitete. Der für diesen Berg aber doch nichts  konnte! Bei allen anderen Hindernissen waren die Arbeiten normal verlaufen – nur hier schien es bisweilen, als bohre man nicht durch Stein, sondern durch Kruppstahl.
„ … können wir absolut garantieren: Dieses Gerät …“, vernahm Bien aus der Mitte des Kreises, zu dem auch Würmler gehörte, ehe sein Chef zischte: „Und ich habe wirklich Geduld dabei bewiesen, Bien – aber was zu viel ist, ist zu viel. Sie haben diesen Tunnelbau ver­schlampt, und statt dem Herrgott auf Knien zu danken, weil er jetzt doch noch ein Ende findet, kommen Sie mir mit albernen Bedenken. Nicht sicher! Wieso nicht sicher?“
„Ich dachte nur – dieses Gerät – ist ja noch nie …“
„ … nie ausprobiert worden? Ja Himmel, Bien, das ist erst recht ein Grund, dem lieben Gott eine Kerze zu stiften! Glauben Sie, wir würden uns diesen Einsatz leisten können, wenn es schon serienmäßig getestet wäre?“
Wat nüscht kost’, düscht nüscht! hätte Bien beinahe gekontert; er besann sich gerade noch. Würmler hatte ja Recht, sagte die Stimme des Verstandes in seinem Kopf. Ohne Hilfe konnten sie den Termin vergessen, aber vollkommen. Also musste man Hilfe nehmen, wo man sie kriegen konnte. Würmler hatte am Ende seiner letzten Visite, noch von der Baustelle aus, einen „Paul, mein Lieber!“ angerufen und  nach dem Gespräch befriedigt genickt.
„Paul, mein Lieber“, stellte sich heraus, war Professor Paul Rosekamp von der Technischen Universität München. Drei Tage später brachten zwei Autos ihn samt seinen Assistenten - und ein Sattelschlepper karrte ein Gerät heran, das aussah wie eine riesige Overkill-Kanone in einem Science-fiction-Film. Und es war wohl auch fast wie Science-fiction, oder, wie Professor Paul es ausdrückte, ein kleines technisches Wunder, „so etwas wie ein Phaser, nur in groß“. Und „kleines“ vor Wunder meinte er natürlich bloß relativ; er gebärdete sich, auch jetzt während des Pressetermins, als sei ihm der Nobelpreis bereits zugesagt. Nun, das interessierte alles nicht, beschloss Gerd Bien bei sich. Wenn der Tunnel fertig wurde und alles gut ging, würde er nichts mehr sagen, weder gegen Würmlers Tiraden noch gegen Pauls Arroganz. Trotzdem:
„Wir holen aber die Leute aus dem Tunnel, ja?“, fragte er seinen Chef, den letzten Mut zusammennehmend.
„Bien, Bien!“ erwiderte dieser gönnerhaft, aber milder gestimmt; wahrscheinlich hatte er sich entschlossen, seinen Leitenden als eine Art kurioses Fossil anzusehen. Oder als die Art Mitarbeiter, die ihn bald kein Geld mehr kosten würde. „Natürlich tun wir das. Wir wollen es doch nicht auch noch mit der Gewerkschaft zu tun bekommen, nicht wahr?“ Wie er die zwei Wörtchen „auch noch“ betonte – das sprach Bände. Aber Bien war es zufrieden. Er wandte sich ab von dem Kreis aus Reportern, in dessen Mitte Paul sich spreizte wie ein Pfau, und winkte seinen Leuten: Rückt ab!
Was sie nur zu gern taten.
Der Ingenieur allerdings verspürte plötzlich Neugier: Er wollte die Wundermaschine, eine Revolution der Lasertechnologie, wie Paul es formulierte, endlich in Aktion sehen. Natürlich hatte der Professor nichts vom Prinzip verraten, nur eine gezielt unabsichtliche Bemerkung über „die P-Welle“ war ihm entschlüpft; überflüssig zu fragen, wofür das P stand. Bien jedoch, zu sehr Techniker, um sich die Technik von irgendeinem Gebaren vermiesen zu lassen, hätte zu gern miterlebt, wie diese Maschine binnen zwei Stunden einen Durchbruch durch über tausend Meter hartnäckigstes Gebirgsgestein zustande bringen würde – einen Kreis von wohlgemerkt sechs Metern Durchmesser! Und so blieb er und sah, einige Schritte hinter seinem Chef platziert, gebannt zu, wie die Maschine – der „Paser“- eingeschaltet wurde, zu summen begann, dann einen blauen Lichtstrahl kreierte und diesen gegen die Felswand schleuderte – die unter ihm einfach verschwand. Bloßen Auges hätte man dieses grellblaue Inferno sicherlich nur als Blinder überlebt, aber mit den Spezialbrillen sah man: Der eitle Kerl konnte offenbar ganze Arbeit leisten.
Ich häng meinen Job an den Nagel! dachte Gerd Bien, als der Strahl binnen weniger Minuten zehn Meter tief eingedrungen war. Das macht ja keinen Spaß mehr. – Er liebte das Bohren, die Geschäftigkeit dabei, die lauten Zurufe der Männer, die Flüche, wenn etwas schief ging, den Geruch nach Öl, Benzin und zerkleinertem Gestein. Das hier – das war bloß Chirurgie. Und dennoch – es war faszinierend. Auf seine Art schön. Ach was – überwältigend.
So verfolgte er den Vortrieb des Tunnels, hin und her gerissen von seinen Gefühlen, bis eine Stimme in seinen Kopfhörern verwundert sagte: „Ein Hohlraum? Wo kommt denn hier ein Hohlraum her?“
Da sollte keiner sein, erinnerte sich Gerd Bien. Die Geologen der Firma, absolute Profis, hatten ihre Arbeit gründlich gemacht. Es gab bis zum anderen Ende des Berges nur festes, dichtes Gestein. Er sah die computergenerierten 3-D-Bilder noch deutlich vor sich: kein Hohlraum.
Es war seine letzte Erinnerung.

Länge, Breite, Höhe, Zeit: Jetzt und hier war da, wo der Berg war, tatsächlich kein Hohlraum. Aber es gibt mehr Dimensionen als nur drei. Manchmal, an Orten, wo die Wand dünn ist, ahnen sensible Gemüter etwas von ihrem Dasein, doch sie sind dem Menschen in der Regel nicht zugänglich. Es sei denn, jemand findet den Schlüssel und benutzt ihn. Eine bestimmte Art von Wellen kann durchaus ein solcher Schlüssel sein.
Dumm nur, wenn dieser Jemand nicht weiß, dass er eine Tür öffnet.
Noch dümmer, wenn diese Tür besser verschlossen geblieben wäre.
Die Arbeiter, die an der Mündung des Tunnels warteten, hörten zuerst nur einen Knall, der ihnen die Trommelfelle zerriss. Dann warf eine Erschütterung sie alle von den Füßen. Ehe auch nur einer wieder aufstehen konnte, fuhr ein glühend heißer Flammenwind aus dem Tunnel, hielt sie am Boden und verbrannte sie, genau wie die Wälder ringsum.
Auf dem Rücken dieses Windes aber ritten SIE. UND IHRE ZAHL WAR LEGION.

„Mein Gott!“, stöhnte einen Monat später Papst Benedikt XVII., als er aus dem Fenster der Engelsburg auf das herabsah, was Rom geworden war; was die Welt geworden war: Schwarz, alles schwarz. Es lag wie Finsternis auf dem Land, Finsternis, die kochte und brodelte und aus der in einem fort Schreie ertönten, grauenvolle Schreie, in denen das Leid eines brutalen Sterbens lag – oder alles Elend einer verzweifelten Ewigkeit.
„O Herr!“, betete der Papst. „Lass uns in unserem Gram nicht allein – schicke uns deine Legionen, du großer Gott!“
Doch das waren nur leere Worte; auch der Oberste Hirte des winzigen Rests der katholischen Kirche glaubte nicht mehr an Rettung. Jetzt, angesichts der vergehenden Welt des Lichts, die sich auf ein Stück Vatikan beschränkte, wünschte er sich, die Deutschen wären weniger fleißig, weniger gründlich, weniger maßlos gewesen. Wirklich: wozu brauchten sie immer neue Autobahnen? Mit denen hatte in Deutschland so manches Unheil begonnen. Aber wenn schon: Hätten sie dann nicht wenigstens darauf verzichten können, einen Tunnel durch einen Berg zu bohren, den – vox populi, vox Dei - die Leute von alters her „Höllberg“ nannten?

 

 © by Peter Schünemann, 2007