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Heavy!

Michael Tillmann:
Ein Gänsekiel aus Schwermetall

Edition Medusenblut Nr. 20, Berlin 2010

Die neun Erzählungen des Bandes verraten einiges über die Vorlieben von Michael Tillmann. Zwei davon nennt der Untertitel: „Heavy-Metal-Phantastik“. Weitere sind: Träume, Filme, Skizzen aus dem Alltag „gewöhnlicher“ Menschen, genüssliche Anspielungen auf Vorbilder (wie z. B. Lovecraft) oder Klassiker der Genres - und ein bisweilen tief schwarzer Humor.
Skizzen: Tillmanns Figuren erscheinen meist als Typen, selten als Charaktere. Ritter sind ritterlich, Arbeitnehmer unzufrieden, Heavy-Metal-Barden grobschlächtig, trinkfest und geübt im Fluchen. Auch das Ambiente, von deutschen Industriestädten bis zu Fantasy-Reichen, wird recht knapp gezeichnet. Tillmann nutzt Klischees - doch nur, um sie zu strapazieren (manchmal bis aufs Äußerste) und dadurch den ironischen Ton zu erzeugen, der gängige Muster der Phantastik bricht. Besonders deutlich wird dies im „Bonustrack“: „Talpa gigantus – der König der Kriecher“ parodiert in der Art eines Treatments japanische Monsterfilme. Ein durch Russen-Mafia-Uran ins Gigantische vergrößerter Zittauer Maulwurf gräbt sich auf Tokio zu und kann nur – wenn überhaupt - durch Rübezahl aufgehalten werden, bei welcher Gelegenheit Tillmann gleich noch Sport-Übertragungen verschaukelt.
Ähnlich sarkastisch-fröhlich geht es zu bei „Warum ich jetzt keine Überstunden mehr mache?“ (Szenen aus dem Alltag eines professionellen Zombiejägers) oder in „Der letzte Mönch mag nicht scheiden“. Diese Geschichte beginnt mit der Schließung des (weltweit) letzten christlichen Klosters 2156 im ländlichen Polen. Der letzte Mönch stirbt ohne Nachfolger und spukt nun, um einen solchen zu rekrutieren. Das betrifft unmittelbar die Mitglieder der polnischen Heavy-Metal-Band Cryptic Intestines, deren Abenteuer erst im Kölner Dom enden. In den werden die Barden vom türkischen Hausmeister des Doms eingeschleust, den sie „in der Moschee auf der anderen Seite des Domplatzes“ finden … (Keine Sorge: Auch das ist reine Satire.)
Eine andere Gespenstergeschichte, „Stählernes Singen ohne Reflexion“, bezieht sich auf die Samurai-Tradition. Ein Japaner erzählt einem Düsseldorfer die (Tillmann’sche) Sage vom Geisterschwert. Diese selbst bietet keine großen Überraschungen; die Rahmen­handlung macht das Besondere aus, denn es geht um den Begriff der Ehre. Gewidmet hat Tillmann den Text „den feinen Herren Parteispendern, deren Namen Dr. Helmut Kohl aus Gründen der Ehre nicht nennen ,durfte’ “. In der Binnenhandlung reflektiert der Autor anhand der erstarrten Ehrbegriffe der Samurai über Pflicht und Moral, was ein wenig didaktisch daherkommt. Doch lesenswert ist auch diese Geschichte. Das sind sie alle, selbst die für mich schwächste, „Schneeweiße Vogelspinnen“, die einen Albtraum von solchen Geschöpfen mit den Alltagssorgen eines arbeitslosen Exstudenten nicht wirklich verbindet; beide Teile sind gut erzählt, existieren aber weitgehend beziehungslos nebeneinander, das Ganze kommt nicht recht zur Geltung. „Fingernägel“, ebenfalls ohne besondere Überraschungen, baut erneut in eine Rahmenhandlung – zwei Männer unterhalten sich in einer Kneipe über die langen Fingernägel der Bedienerin – eine erfundene Sage von einer Hexe ein, die brave Bürger einst einsperrten. „Die Heimkehr eines Königs“ schließlich ist eine Fantasy-Geschichte, die wieder gekonnt mit gängigen Klischees spielt. Träume sind auch hier wichtig, und die Einführung der Sonne als personale Erzählerin führt zu einer hübschen Schlusspointe.
„Stahlarbeit“ lässt erkennen, dass Tillmanns Vater Stahlarbeiter war. Alex, der Protagonist des bitterbösen Textes, erscheint mir (mit einer Ausnahme) als lebendigste Figur des Bandes: ein „kleiner Mann“, der glaubt, für eine gute Sache zu handeln, und hofft, dadurch zugleich seine eigene Lage zu verbessern. Inspiriert wurde der Text von Heinrich Kleys Gemälde „Die Krupp’schen Teufel“, aus dem Franziska Knolle das sehenswerte Buchcover schuf.
Die eine eben erwähnte Ausnahme aber ist - eine Spiegelfläche. Ja! „Bekenntnisse einer Spiegelfläche“, der kürzeste Text, ist in meinen Augen das Highlight des Bandes, den Herausgeber Boris Koch im Vorwort ein „Konzeptalbum“ nennt. Für mich stellt genau diese Geschichte das Konzept erst her: Die Menschen der Texte erscheinen verdinglicht, zum einen auf Grunde der Umstände, unter denen sie leben und handeln (und die der Autor unserer Wirklichkeit entnimmt), zum anderen, weil Tillmann sie bewusst (meist) als Typen, Versatz­stücke anlegt. Dagegen gibt er der Spiegelfläche ein differenziertes, äußerst persönliches Innenleben: Reflexionen über ihre Lage, intensive Gefühle wie Entzücken, Angst, Trauer, Hilflosigkeit. Das Schicksal, das dieses „Ding“ erleidet, steht dann wieder symbolisch für das Schicksal von Menschen (wie Alex), die sich mit den „Dingen, wie sie sind“ nicht abfinden wollen. Tillmann bleibt beim Erzählen seinem harten Realismus treu, dennoch berührt die Geschichte durch die ihr eigene Poesie. Hier stimmt einfach alles, von der Idee bis zur Umsetzung.
Fazit: „Ein Gänsekiel aus Schwermetall“ ist ein lesenswerter, gelungener Debütband mit etlichen Höhepunkten und bestätigt aufs Neue auch die Qualität der Edition Medusenblut.

 

197 S., € 10,- ISBN 978-3-935901-14-7