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Ramsey Campbell: Der Wahnsinn aus der Gruft.

Cthulhu-Mythos-Geschichten

(Howard Philips Lovecrafts Bibliothek des Schreckens Band 36)

Festa-Verlag, Leipzig 2014, 268 S.

Mit diesem Buch legt Festa nach „Die Offenbarungen des Glaaki“ den zweiten Teil seiner Ramsey-Campbell-Edition vor, zwölf Geschichten und ein wiederum aufschlussreiches Vorwort des Autors. Mit beiden Bänden verfügt der Festa-Leser nun über 21 Storys Campbells, darunter alle Texte aus dessen erster Sammlung, The Inhabitant of the Lake and Less Welcome Tenants, die August Derleth 1964 bei Arkham House herausbrachte – damals war Campbell gerade einmal 18 Jahre. (Wow!) Die übrigen Geschichten erschienen zwischen 1964 und 1985, mit einer Ausnahme: „Die Kirche in der High Street“, Campbells erstes verkauftes Werk, verlegte Derleth 1962 in der Sammlung Dark of Mind, Dark of Heart.
Um diese Story, die den Band eröffnet, baut Campbell sein Vorwort „Auf der Jagd nach dem Unbekannten“, indem er ausgiebig aus der ersten Fassung des Textes zitiert, den er als Fünfzehnjähriger unter dem Titel „Die Hüter der Gräber“ an Derleth schickte. Er macht anhand dieser Auszüge mit viel fröhlicher Selbstironie klar, warum man keine Lovecraft-Geschichte schreiben  kann, indem man versucht, den Stil des Meisters zu imitieren und HPL in dessen „schlimmsten Auswüchsen“ (S. 11) noch zu übertreffen. Des Weiteren schildert Campbell Lovecrafts Bedeutung für ihn selbst („Kaum dass ich mein erstes Buch von Lovecraft gelesen hatte, wurde ich zum Schriftsteller.“), und er dankt mit sehr freundlichen Worten August Derleth für dessen Hilfe, Geduld und Förderung. Dazu kommentiert er kurz Ursprünge und Qualität seiner Inhabitant-Geschichten. Alles in allem zeigt bereits das Vorwort: Es lohnt sich, dieses Buch zu lesen, vor allem, weil da einer ohne Beschönigung seine literarischen Anfänge schildert und aus seiner Werkstatt plaudert, mit viel Respekt für Lovecraft, Derleth und Kollegen wie Robert Bloch und mit etlichen Tipps für jene, die damit beginnen, dergleichen Texte zu verfassen.
Prüfstein für Qualität aber sind natürlich die Geschichten selbst. „Die Kirche in der High Street“, eingeleitet mit einem Necronomicon-Zitat, zeigt sich als klassisches, gut erzähltes Lovecraft-Pastiche, welches – im Vergleich zu den im Vorwort zitierten Passagen – durch Derleths Redaktion ganz gewiss gewonnen hat. „Das Testament des Stanley Brooke“ folgt. Der Text überrascht nicht besonders, variiert laut Campbell ein Thema aus Lovecrafts „Das Fest“, verfügt jedoch über einen mit augenzwinkerndem schwarzen Humor erzählten Schluss. „Die Mondlinse“ wird dem, der Geschichten wie „The Shadow over Innsmouth“ kennt, im Ablauf ebenfalls nicht zu viel Neues bieten. Hervorheben muss man aber die Gestaltung des Priesters, welcher das Opferritual begleitet; man erlebt ihn nur als „Stimme“, doch das verstärkt den unheimlichen Eindruck. Das Predigen über Shub-Niggurath, so empfand jedenfalls ich es, offenbart mehr Grauen als die Beschreibung des Wesens, dem der Protagonist der Story geopfert werden soll.
„Der Stein auf der Insel“ befindet sich unweit von Severnford. (Campbell, so liest man im Vorwort, befolgte Derleths Ratschlag, seine Texte nicht in Massachusetts spielen zu lassen, und schuf sich daher seine eigene Landschaft im Tal des Severn mit den Städten Brichester, Severnford, Temphill, Camside und Goatswood). Michael Nash, eingeweiht in okkultes Wissen, nähert sich jenem Stein, obwohl sein Vater ein gleiches Unternehmen nicht überlebte. Nash glaubt sich sicher, da er über die bekannten „fünfzackigen Steine“ verfügt, die das Böse bannen sollen. Campbell schreibt zu dieser Geschichte, sie klinge mehr nach ihm als nach Lovecraft, was zweifellos stimmt - allein schon, weil Nash in einem Büro arbeitet. Campbell zeigt den Alltag der Mitarbeiter (fehlende Formulare, ineffiziente Neuerungen der Organisation, Teekochen, lästige Kunden) schlaglichtartig, aber präzise, und dieses banale Tagesgeschäft bildet den Hintergrund, vor dem sich das Unheimliche entfaltet, das wiederum mehr angedeutet als ausgemalt wird. Man erfährt fast nichts über das Geheimnis des Steins, aber genau das verstärkt das Flair der Geschichte. Hier klingt zum ersten Mal der Campbell an, der sich 1973 mit der Sammlung Demons by Daylight („Dämonen bei Tag“, Festas Edition Metzengerstein Band 8, 1998) endgültig als originärer Erzähler etablierte.
Anschließend vertauscht „Vor dem Sturm“ quasi die Rollen: Nun sitzt der unvorsichtige Adept, der das Dunkel heraufbeschwor, als Hilfesuchender vor dem Büroschreibtisch, gefangen im Wechsel zwischen dieser Welt und anderen, fremden, bedrohlichen. Die Mitarbeiter der Behörde erfahren auf schmerzhafte Weise, dass es nichts nützt, einfach den Rettungsdienst zu rufen, um sich des Mannes zu entledigen – was sie sehen, wird sie für immer verfolgen. Wiederum kontrastiert der Büroalltag mit dem Unheimlichen; fast könnte es sich um dasselbe Büro wie in „Der Stein auf der Insel“ handeln.
Es folgt „Schwarz auf Weiß“, eine der bekanntesten Geschichten Campbells. Hier übersetzt von Alexander Amberg (wie alle Storys der beiden Bände), konnte man sie bei Festa bereits in „Die Saat des Cthulhu“ lesen (dort unter dem Titel „Schriftlich“ von Joachim Kalka ins Deutsche übertragen). Dietmar Schmidt wiederum übersetzte sie für „Hüter der Pforten. Geschichten aus dem Cthulhu-Mythos“ (Bastei-Lübbe 2003). Interessant ist dabei, wie jeder Übersetzer auf seine Weise die Passage gestaltet, die Campbell aus den Offenbarungen des Glaaki zitiert, jenem okkulten Werk, das er zur fiktiven Bibliothek des Cthulhu-„Mythos“ beisteuerte. Elf Bände haben die Offenbarungen, erfuhren wir bereits in „Der Bewohner des Sees“ - nun wird hier der zwölfte Band präsentiert, „niedergeschrieben von einem Mann oben auf dem Mercy Hill“ in Brichester. Strutt, ein verbitterter Lehrer mit sadistischen sexuellen Neigungen, stößt auf der Suche nach Büchern, die sein Verlangen notdürftig stillen, auf einen verkommenen Laden, dessen Besitzer ihm den zwölften Band anbietet. Die Charakterstudie des einsamen, von ohnmächtiger Wut erfüllten Pedanten Strutt macht den Text besonders faszinierend, ebenso Campbells genauer Blick für die Details der heruntergekommenen Stadtviertel und Bewohner von Brichester. Ganz großes Kopfkino!
Wer aber war jener Mann „oben auf dem Mercy Hill“? Vielleicht ein Insasse der Klinik, die – wie wir in „Franklyns Botschaft“ erfahren - dort hoch über allem thront, pikanterweise in unmittelbarer Nähe eines Friedhofs? Oder stammt das Manuskript von Roland Franklyn selbst, der am Fuß des Mercy Hill wohnte? Franklyn schrieb „Wir entschwinden einfach“, ein Buch, in dem er behauptete, die irdische Existenz eines Menschen sei nur eine der Facetten von dessen Ich, das nicht zusammen mit der Hülle sterbe. Darum wollte er auch nicht begraben, sondern eingeäschert werden, ein Wunsch, den ihm seine von Hass zerfressene Frau nicht erfüllte. Und so macht sich der Schriftsteller Errol Undercliffe auf die Suche nach Franklyns Grab macht, bei der er selbst verschwindet. Leider wissen wir kaum etwas von diesem Autor, wir kennen nur seine Briefe an einen gewissen Ramsey Campbell und dessen kurze Darstellungen der unheimlichen Geschichten, die Undercliffe hinterließ … - Auch diese Story kannte ich bereits aus „Dämonen bei Tag“, wo Timothy McNeal sie unter dem Titel „Die Franklyn-Fragmente“ ins Deutsche übertrug. Was mir – über die fesselnde, atmosphärisch dichte Schilderung der drei Handlungsstränge (Campbell, Undercliffe, Franklyn) hinaus - hier besonders gefiel, ist wiederum Campbells augenzwinkernder Humor, mit der er seinen Errol Undercliffe die Werke des jungen J. R. Campbell kritisieren lässt. Damit aber nicht genug: Undercliffe legt seinem ersten Brief an Campbell sogar den Leserbrief eines Bewohners des fiktiven Brichester bei, der sich im Brichester Herald empört über Campbells erstes Buch (The Inhabitant of the Lake) auslässt, das seiner Meinung nach die Stadt und ihre Bewohner beleidige. Außerdem spürt man das liebevoll-ironische Verhältnis Campbells zu Lovecraft, wenn er Undercliffe nach der Darstellung eines Erlebnisses in einer Bibliothek schreiben lässt: „Ein Schauplatz in der Art eines Lovecraft sieht anders aus, aber das war nun mal die Realität.“ Eins der Highlights des Buches!
Die Titelstory, „Der Wahnsinn aus der Gruft“, erschien laut Quellenverzeichnis 1972 in „A Tribute to Howard Philips Lovecraft“, jedoch hätte die Verbeugung ebenso gut dem – von Lovecraft bewunderten, zeitweise nachgeahmten – Lord Dunsany oder auch Lovecrafts Freund Clark Ashton Smith gelten können: Auf dem Planeten Tond wird die Stadt Derd von einer Inkarnation Azathoths bedroht; Opojollac, Tyrann von Derd, fragt die Beschützer der Stadt, die „Globen von Hakkthu“, um Rat und erhält ihn auch … Ein satirisch angehauchter Ausflug in eine exotische Welt, zweifelsohne, doch für mich einer der schwächeren Texte des Bandes; gerade der Fantasy-Rahmen macht ihn weniger interessant.
„Dazu gehören folgende Bilder“ ist laut Campbell „eine wortgetreue Beschreibung einiger Zeichnungen, die ich mitten in meiner Pubertät anfertigte“. Er muss damals 15 gewesen sein; zwölf Jahre später entdeckte er die Bilder wieder und habe, sagt er, so objektiv wie möglich versucht darzustellen, was er auf ihnen nun sah, um die „verstörende Wirkung“ mitzuteilen. Beeinflusst seien diese Zeichnungen von Lovecraft, dem Surrealismus und Weird-Tales-Titelbildern. Diese Texte zu ihnen sind keine Geschichten im eigentlichen Sinn, deuten Handlungen bestenfalls an, doch ein weiteres Mal zeigt sich hier Campbells Fähigkeit, Orte und Personen präzise und eindringlich zu schildern. Außerdem finden sich etliche Motive wieder, denen man in anderen Texten des Autors begegnet.
Mit „Die Gesichter in Pine Dunes“ folgt nun die umfangreichste Geschichte dieses Bandes. Auch sie liegt bereits auf Deutsch vor, als „Pine Dunes und seine Gesichter“, übersetzt von Ulf und Beke Ritgen in „Spur der Schatten. Neue Geschichten aus dem Cthulhu-Mythos“ (Bastei-Lübbe 2004). Doch das tut dem Lesevergnügen keinen Abbruch. In dieser exzellent erzählten Geschichte stimmt einfach alles. Michael, ein junger Mann von zwanzig Jahren, zieht mit seinen Eltern im Caravan unstet von Ort zu Ort, bis sein Vater schließlich in Pine Dunes bleiben will. Ansonsten aber ist Michaels Leben ganz gewöhnlich: gereizte Erzeuger, die einander wenig zu sagen haben; erwachsener Sohn, der sich nach Heimat sehnt, nach Anerkennung, Zugehörigkeit; Job in einer Diskothek, Streit mit dem Vater um die Autoschlüssel … Michael lernt June kennen, ein Mädchen, das sich für Hexenkulte interessiert und aus der Enge der Kleinstadt ausbrechen will. Alles ganz normal? Scheinbar. Doch als Michael im ersten Kapitel der Erzählung einen Ausflug durch den Kiefernwald unternimmt, entdeckt er neben sich eine kriechende Finsternis. Er träumt von Steinkreisen, von träumenden Augen unter Gestein und Meer, von Dornenlabyrinthen … Wieder eine neue, gekonnt gestaltete Variation des Themas der Großen Alten mit faszinierendem Eigenleben.
„Die klingende Ebene“ rückt das SF-Element Lovecraftscher Prägung in den Vordergrund. Drei Studenten der Universität von Brichester stoßen in der Nähe Severnfords durch Zufall auf eine Ebene, die einen „ohrenbetäubende[n] Schwall von Klängen“ absondert. In einem Haus auf dieser Ebene entdecken sie das Tagebuch eines Professors, der vor vielen Jahren die Universität verlassen musste. Sie finden dort auch eine Apparatur, welche dazu dient, mit den Bewohnern der Klangwelten Kontakt aufzunehmen, und die Offenbarungen des Glaaki, die beschreiben, wie man das anstellt … Diesew 1964 in The Inhabitant of the Lake erschienene Erzählung zeigt die Vorbildnähe des jungen Ramsey Campbell, aber auch seinen eigenen Stil.
Eher dem Vorbild verhaftet ist die den Band abschließende Geschichte „Die Rückkehr der Hexe“. Sie bringt dem Leser eine Begegnung mit Dr. Stanley Nash, dem Vater Michael Nashs aus „Der Stein auf der Insel“. Ins Hexenhaus der verstorbenen Gladys Shorrock, Mercy Hill, Brichester, zieht der ahnungslose Schriftsteller Norman Owen ein. Leichtsinnigerweise öffnet er das verschlossene Zimmer im oberen Stock und findet sich danach in Träumen wieder, die beim Aufwachen erschreckende Realität annehmen. Zum Glück weiß Dr. Nash mit den Offenbarungen umzugehen … Owen, knapp entkommen, murmelt noch Jahre später den Spruch vor sich hin, der auf dem Grabstein der Hexe stand: „Gebe Gott, dass es so bleibt!“
Nun: Gott, falls es ihn geben sollte, scheint in den Geschichten Campbells abwesend zu sein - alle Punkte gehen über kurz oder lang an die Großen Alten. Anders hätte auch HPL, der bekennende Atheist, es wohl nicht gewollt. Was aber Campbells Erzählkunst und seine immer noch erkennbare Präsenz abseits des Massenmarktes für (sogenannten) Horror betrifft, hoffe ich ebenso inständig, „dass es so bleibt“ - auch und besonders dank Verlagen wie Festa.