Aktuelles

Homepage online

Auf meinen neuen Internetseiten stelle ich mich und meine Hobbys vor.

Rezensionen

Auf diesen Seiten bespreche ich gelegentlich Bücher, meist aus den Genres Dark Fantasy und Horror. Besondere Seiten sind Werken gewidmet, die im Festa Verlag Leipzig und in Boris Kochs Edition Medusenblut (Berlin) erscheinen.

Späte Entdeckung
Michael Morgental: Garten zwischen Lebensbäumen

(1983, Heyne SF 06/4017) 

Das Büchlein fiel mir beim Durchstöbern der Antiquariate im Buchdorf Mühlbeck bei Bitterfeld in die Hand. Der Text auf dem Backcover versprach eine „subtile, romantische Zeitreiseerzählung“, und weil ich Zeitreisegeschichten mag, fügte ich „Garten zwischen Lebensbäumen“ kurz entschlossen meinen anderen Einkäufen hinzu – obwohl der Name des Autors mir gar nichts sagte.
Das geht nicht nur mir so - auch Wikipedia schweigt sich über ihn aus, und ich konnte keine Webseite finden, ebenso wenig wie lange Artikel. So viel bekam ich immerhin heraus: Michael Morgental, Jahrgang 1943, studierte in Erlangen und Würzburg Philosophie, Pädagogik und Sprachwissenschaften. Anschließend arbeitete er kurze Zeit als Lehrer, wechselte aber bald in die EDV-Branche, wo er in verschiedenen Bereichen hauptberuflich tätig war. Seit 1993 ist er freischaffender Autor und Übersetzer.
Seit 1980 schreibt Morgental Gedichte, Erzählungen und Romane. Veröffentlicht wurden außer Garten zwischen Lebensbäumen u. A. Die Erzählungen des alten Gorfud (1980, Wolkentor-Verlag Geesthacht), Die Bibliothek des Wendelin Bramlitzer (1980, Kanalpresse-Verlag Nürnberg) und sowie Yashor, Der Hirte aus Harkin (2000,Weitbrecht-Verlag Stuttgart). Aber – und daher, denke ich, haben doch recht viele SF&F-Fans schon einmal etwas von ihm gelesen: Morgental arbeitet als Übersetzer aus dem Japanischen und Englischen; er machte Werke von Lois McMaster Bujold („Spiegeltanz“, um nur eins zu nennen), Doris Egan, A.A. Attanasio, William Horwood oder R. A. Salvatore den deutschen Lesern zugänglich.
„Garten zwischen Lebensbäumen“ erschien 1983, in einer lange verflossenen Zeit also, schier unglaublich, ja fast legendär, weil damals ein kaum bekannter deutscher Autor einen Band von Erzählungen bei Heyne herausbringen konnte … was zweifelsohne dem großen Herausgeber Wolfgang Jeschke zu verdanken ist, der sich immer wieder um solcherart Starthilfe für deutsche Autoren bemühte. Leider wurde (auch) in Morgentals Fall meines Wissens nicht mehr daraus – was ich schade finde, denn die Texte in dem Buch zu lesen hat Freude gemacht.
Wobei die Klassifizierung „Science Fiction“ auf die wenigsten zutrifft – die meisten gehören dem Subgenre der Urban Fantasy an, einer Fantasy also, die ihre Protagonisten aus ganz „normalen“ Verhältnissen kommen lässt, sie aber mit ungewöhnlichen Ereignissen konfrontiert. Besonders deutlich wird das in den ersten sieben Texten des Bandes, zusammengefasst unter dem Titel „Divertimento in F-Dur“ (Divertimento: italienisch „Vergnügen“; ja, passt!). Morgentals Hauptfiguren, Männer zumeist, arbeiten als Wissenschaftler oder Beamte (oder als wissenschaftliche Mitarbeiter in Behörden); die einzige Frau (Christina in „Auf der Straße nach Ghardaia“) ist im Marketing tätig. Sie alle werden vom Autor in Grenzsituationen geführt, in denen das Unerwartete, Unbekannte, bisweilen Unheimliche in ihre gut abgesicherten, aber auf irgendeine Weise verarmten Lebenswelten einbricht und ihnen mitspielt – im Grunde nicht übel, die Betonung liegt immer auf „Spiel“, und auch der Autor hat, bei allem, was er in seinen Geschichten als Botschaft transportiert, seinen Spaß an diesen Geschehnissen, die nicht unbedingt erklärt werden, schon gar nicht auf „Hardcore-SF“-Weise. Da wuchern plötzlich im Aktenschrank einer staatlichen Behörde wilde Dschungelpflanzen („Archivdienst“), erkennt eine Sekretärin – und nicht nur sie - ihren Chef mit einem Mal nicht wieder („Parteiverkehr“), nimmt ein mysteriöser Fremder drei Freunde auf eine merkwürdige Zeitreise mit („Späte La-Tène-Zeit“) oder taucht im geruhsamen, aber einsamen Leben des bibliophilen Institutsmitarbeiters Zirgelein plötzlich eine merkwürdige junge Frau auf … „Golden Delicious“ zeigt uns eine Zeitreise einmal der anderen Art und führt zu einer seltsamen Notiz im Tagebuch einer Hofdame des 18. Jahrhunderts; „Auf der Straße nach Ghardaia“ in Nordafrika ereignet sich ein schwerer Unfall, gefolgt von einer kaum glaublichen Rettung, und aus der „Bundesbehörde, 12. Stock“ entrinnt ein Mitarbeiter auf ungewöhnliche Art.
Auch die „Nürnberger Bratwürste - spezial“ im einzigen Text des Teils II („Intermezzo“) haben ungeahnte Nebenwirkungen, ehe wir dann in „Quatre Préludes“ mit vier Romanprojekten des Autors bekannt gemacht werden, die er in einer Nachbemerkung ein wenig näher erläutert. Reine SF sind die zwei abgedruckten Kapitel aus „Rettung von Bilil“, die in einer dystopischen Zukunft spielen und den jungen Tom, Zögling einer streng kontrollierten Schule, auf seinen erdachten und wirklichen Wegen begleiten, die im Sinne der Herrschenden jeder Zeit gewiss Abwege sind. Hier tut es mir wirklich leid, dass ich nicht weiterlesen kann, aber ich finde keinen Hinweis darauf, dass dieses Projekt jemals realisiert bzw. veröffentlicht wurde. Gleiches gilt für die Geschichte „Entscheidung zwischen den Flüssen“, in der Thomas Dornblüth, ein Schüler des Doktor Faust, vor eben dieser Entscheidung steht: Soll er weiter mit seinem Meister durch die Lande ziehen? Morgental spielt hier auf absolut gekonnte Weise mit der Überlieferung, die uns als Fausts Vornamen einmal „Georg“ und einmal „Johann“ präsentiert. Der Text – für mich der stärkste des Bandes – erinnert sehr an „Die Rose des Paracelsus“ von Borges und hält mit diesem Meisterstück durchaus mit. Um so trauriger, dass auch die Trilogie „Eyn unsichtbar Collegium“, in der ein Roman Dornblüth gewidmet sein sollte, anscheinend nirgends veröffentlicht wurde. Also werden wir vermutlich nichts mehr über die „Bibliothek des Dr. Nocturnus“ erfahren, die sowohl in „Rettung von Bilil“ als auch in „Garten zwischen Lebensbäumen“ eine Rolle spielt.
Die Titelgeschichte, das Schlussstück des Bandes, hält, was der Backcover-Text versprach. Wieder ist es eine Zeitreise auf recht unkonventionelle Art, wieder wird der Protagonist aus seinem Leben hinausgeführt in ein anderes …
Alle Texte sagen uns, was Michael Morgental kennt, schätzt und liebt: (alte) Bücher und geheimnisvolle Bibliotheken, Musik, Geschichte, die fränkische Landschaft, in der er daheim ist, sowie das Erfinden phantastischer Landstriche und Völker –noch eine Vorliebe, die er mit Borges teilt. Lokalkolorit macht Morgentals Texte unverwechselbar. Er pflegt eine poetische Sprache, den inneren Monolog und die schwelgerische Beschreibung schöner alter Gebäude, Bilder und Dinge: so ist ein kleines, aber feines Büchlein entstanden, das ich sehr lesenswert fand. Schade, wie gesagt, finde ich daran nur eines – die angekündigten Romane scheinen nie gedrucktes Wort geworden zu sein, trotz dieses viel versprechenden Beginns. Hier hat wohl nicht zuletzt der SF-Mainstream zugeschlagen, der stets zum mehrteiligen angloamerikanischen Zyklus tendiert. Gut, das liegt am Markt, an den (vermutlichen) Leserwünschen … Doch wenn ich bedenke, wie viele (auch angloamerikanische) SF-Romane aus früheren Jahrzehnten heute wohl nicht mehr veröffentlicht werden könnten, beschleicht mich ein mehr als nur leises Bedauern.