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Jakob, am Jabbok

 

Müde geworden ist er der Flucht. Was als harmloser Spaß begann, Erstgeburtsrecht gegen Linsengericht, hat ihn nun hierher geführt, an diesen Fluss, in diese Nacht hinein. Auf dem anderen Ufer die Frauen, die Söhne, das Vieh, auch die Knechte und Mägde, ein beachtlicher Stamm schon, fast ein kleines Volk. Für sie alle verantwortlich: er; das, das lastet auf seinem Gemüt. Niemals war seine Absicht, die Sorge zu tragen für Gottes Versprechen an Großvater Abraham: ein geheiligtes Volk zu werden, in einem gelobten Land. Jakob, der Zweitgeborene, klüger, flinker, lustiger als der immer so ernsthafte, langsame Esau, der Erstgeborene – ja, man kann fröhlich sein, wenn man die Last um die Zukunft nicht schleppen muss.
Dann der Tausch damals, einfach nur ein Spiel. Aber plötzlich die Mutter, die Jakob zu Weiterem drängte. Die Täuschung des Vaters, dessen Segen, alles nun für Jakob, Gottes Auserwählten, wie einige ihn zu nennen beginnen. Das klingt gut, macht ihn stolz. Erst später fällt ihm auf: Für immer dahin sind die sorglosen Zeiten freien Umherschweifens, die Abende irgendwo an einem Feuer, die heitere Liebe mit Mädchen in fremden Dörfern. Sogar die: ihm gründlich verleidet im Wettstreit der Gebärerinnen Lea und Rahel, die ihm auch ihre Mägde zur Begattung zuführten. Elf Söhne. Das Volk braucht Führer. Doch sein oberstes Haupt: immer Jakob.
Jakob will nicht mehr. Esau verfolgt ihn mit vierhundert Mann? Gut. Gott, hat er allen gesagt, habe zu ihm gesprochen und befohlen: Lass mein Volk über den Jabbok gehen. Du aber warte auf Esau. Ich halte Meine Hand über dich. Du wirst mit ihm Frieden schließen.
Oder was auch immer geschieht. Aber das hat Jakob nicht ausgesprochen. Sie wären sonst nicht gegangen.
Stunden steht der Mann in der Öde, einsam. Still ist’s um ihn. So schmeckt Glück, denkt er einmal.
Dann, weit entfernt zunächst, Lichtpünktchen, Fackeln, gewiss Esau mit der Streitmacht. Jakob atmet auf. Nun hat es die längste Zeit gedauert.
Die Lichter nähern sich, werden zählbar: ganze vier nur? Der Bruder ist auf der Hut, beruhigt sich Jakob, sicher sind das nur Späher, die erkunden, ob da nicht ein Hinterhalt sei. Jakob lächelt müde. Er trägt nicht einmal Waffen.
Doch die vier verbergen sich nicht, wie Späher es tun würden, reiten gerade auf ihn zu. Als sie heran sind, will er seinen Augen nicht trauen: Esau und drei seiner Knechte, die sogar ohne Waffen. Was bedeutet das?
Ein paar Schritte vor ihm zügeln sie ihre Reitkamele, Esau sitzt ab, geht zu Jakob. Das Schwert an seiner Hüfte zieht er nicht.
„Bruder“, sagt er nur. Dabei gleitet ein feines Lächeln über sein Gesicht, das heute Nacht so anders wirkt als früher: hellwach. Spott in seinem Blick.
Da begreift Jakob, und es ist wie ein Keulenschlag. Er möchte sich auf den Bruder stürzen, ihn am liebsten erwürgen, doch selbst wenn er es könnte – es löste nicht sein Problem. So gerät zur Umarmung, was Angriff sein will. Und es bleiben nur magere Worte, fast geschrieen in Esaus Ohren: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.
Esau nickt. Spricht den Segen über den Bruder, der sich immer klüger dünkte als er. „Möge er dir nützen“, fügt er hinzu; in seinen Augen aber kann Jakob lesen: Armer Kerl.
So endet ein Bruderzwist: Einer reitet davon, vergnügt, einer bleibt auf dem Platz, aufrecht; Israel soll der fürderhin heißen: Gottesstreiter, nun ganz und gar Führer des Volkes, o Gott.

 

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