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Ende der Träume

 

Der kleine, unscheinbare Mann vor dem imponierendem Schreibtisch aus geschnitzter Eiche bemühte sich vergeblich, das Zucken seines rechten Augenlides und das Flattern seiner Stimme in den Griff zu bekommen. „Also, Herr Doktor ... ich weiß nicht ... weiß wirklich nicht ... ob ... vielleicht ... also, ich meine ...” Hilflos schnappte er nach Luft und verstummte. Seine großen, leicht vorquellenden Augen offenbarten eine Verlegenheit, die schon an Verzweiflung grenzte.

Berschkowski lächelte dünn. Er konnte das Dilemma des Kleinen förmlich riechen. Der Vorschlag jagte Lickert eine gehörige Portion Angst ein - aber er bot auch eine gewaltige Chance. Und diesen Vorschlag hatte Berschkowski gemacht - der Arzt, dem Lickert vertraute, bei dem er sich aussprechen oder auch ausweinen konnte, der ihm immer geduldig zuhörte - wahrscheinlich der einzige Mensch, der sich für dieses blasse, leidende Wesen Zeit nahm.

Berschkowski tat das übrigens nicht nur aus Erwerbsgründen. Da gab es lukrativere Patienten. Nein: Außergewöhnliche Fälle interessierten ihn immer, auch wenn sie bloß von den Krankenkassen bezahlt wurden. Und Lickert, dieser graue Mausemann, war ein höchst interessanter Fall; seine Angst selbst vor normalsten Alltagssituationen grenzte schon fast ans Absurde. Berschkowski für sein Teil wollte die Kindheit dieses Mannes um keinen Preis der Welt durchgemacht haben. Allein der Name: Claudius Lickert! Dazu die schmächtige, kleinwüchsige Gestalt, die dünnen Ärmchen, das blasse Gesicht, die ewig flatternden Hände ... Die Krönung aber war das rechte Augenlid, welches jedes Mal zuckte, wenn Lickert aufgeregt war; und er regte sich eigentlich immer auf, weshalb das Zucken niemals endete, sondern nur durch schnelleren oder langsameren Rhythmus die Intensität der Aufregung anzeigte. Außerdem: Wenn er reden musste, brachte Lickert kaum einen Satz zu Ende. Sein Durchschnitt in der Schule hatte immer um die Drei gelegen, Klausuren und schriftliche Prüfungen dagegen hatte er mit Zwei oder Eins absolviert; beim Schreiben, zurückgezogen in sein Schneckenhaus, vermochte er sich auszudrücken und etwas zu leisten. Ein Büromensch, durchaus fähig, aber mit wenig Kontakten. Der Typ, der unter Pseudonym passable Geschichten über Liebe schreibt und im Alltag nicht den Mund aufbekommt, um eine Frau bloß nach der Uhrzeit zu fragen. Ein trauriges Geschöpf, doch gerade darum bestens für Berschkowskis Experiment geeignet.

„Aber Herr Lickert!” Der Arzt verlieh seiner Stimme allen begütigenden Ausdruck, zu dem er fähig war. „Dieser Versuch birgt für Sie kein Risiko! Und Sie können dabei alles gewinnen!”

„Nun ... ja ...”, räumte Lickert kleinlaut ein, wobei er auf die Tischplatte starrte und seine Hände knetete. Dann aber wirkte das dreijährige Training, er überwand sich, schaffte es, hochzublicken und sein Gegenüber direkt anzusehen. „Ja, wenn Sie ... ist es wohl ... Herr Doktor ... richtig ...”

„Bestimmt, bestimmt!” Berschkowski nickte wohlwollend und beugte sich ein wenig vor, um etwas mehr Nähe zu seinem Patienten herzustellen. „Sie wollen doch geheilt werden, oder?” Hastiges Nicken antwortete ihm. „Gut. Aber Ihre Träume plagen Sie, nicht wahr? Und doch können Sie sich nicht daran erinnern, was Sie träumen - auch richtig?”

„Ja ...”, murmelte Lickert. „Wenn ich das wüsste ... ich glaube, dann ...”

„Aber genau das ist der Punkt, oder nicht? Alle klassischen und modernen Methoden, Ihre Trauminhalte zugänglich zu machen, waren erfolglos - es gibt immer noch einen Bereich Ihres Traumlebens, in den wir nicht vordringen können. Und”, Berschkowski senkte an dieser Stelle ein wenig die Stimme, um vertraulicher zu klingen, „wir beide wissen doch, dass es dieser dunkle Bereich ist, der Sie so ängstigt - dort liegt Ihr Problem. Also gibt es nur zwei mögliche Wege: entweder wir verschaffen Ihnen mit den üblichen Mitteln doch noch eine Erinnerung an das, was Sie im Traum so plagt - nach und nach, langsam, vielleicht in zwei Jahren, vielleicht auch erst in zehn ... Oder wir befreien Sie mittels einer Radikalkur von Ihren Schwierigkeiten. Nun, Herr Lickert”, der Arzt ließ den kleinen Mann auf der anderen Seite des Tisches nicht aus den Fängen seines geübten Blicks, „wir haben drei Jahre lang versucht, an die verborgenen Inhalte heranzukommen - ohne Erfolg. Nach meiner Einschätzung bleibt uns nur noch der andere Weg.” Er unterstrich seine Worte mit einem leichten Schlag auf einen grünen Hefter, der vor ihm lag.

„Aber ... ohne Träume ... soll man doch ... krank ...” flüsterte Lickert, mit einem Gesichtsausdruck wie ein Kaninchen unterm Schlachtemesser.

Der Arzt lächelte, selbstbewusst, Zuversicht verströmend. „Nicht mehr - da können Sie ganz sicher sein! Ich habe das Medikament entwickelt und an mir selbst getestet - bin ich etwa krank geworden? Sehen Sie mich doch an!” Er stand auf, hob die Arme in die Waagerechte, drehte sich einmal im Kreis herum.

Lickert blickte demütig auf zu dem Arzt, der die pure Gesundheit zu verkörpern schien: groß, schlank, muskulös, sonnengebräunt, volles Haar, perlweiße Zähne. Rasch schlug er die Augen wieder nieder, starrte erneut auf die Tischplatte, schluckte und hauchte: „Nein ...”

„Na also!“ Da Lickerts Widerstand unerwartet heftig ausfiel, redete Berschkowski im Stehen weiter, er durfte jetzt nicht nachlassen. „Es besteht kein Risiko. Alles dokumentiert, Sie können sämtliche Protokolle hier nachlesen.” Er schob Lickert den grünen Hefter zu. Der Kleine rührte ihn nicht an. „Ich möchte dieses Medikament trotzdem noch an einer zweiten Person testen. Mir wäre damit geholfen - und Ihnen auch. Wenn Sie es einnehmen, werden Sie aufhören zu träumen; alle dadurch entstehenden negativen Nebenwirkungen wird das Präparat kompensieren. Alle, Herr Lickert! Und wenn der Grund für Ihre Angst wirklich in Ihren Träumen liegt, dann müsste diese Angst verschwinden, nicht wahr? Im Traum erinnern Sie sich an irgendetwas, und diese Erinnerungen entsetzen Sie so sehr, dass Sie die Kontrolle über den wachen Alltag verlieren. Es ist also ganz einfach: Keine Träume mehr - keine Ängste mehr!“

Berschkowskis Stimme wie auch sein Blick waren während dieser kleinen Ansprache eindringlicher, zupackender geworden; nun kehrte er zu seinem wohlwollenden Lächeln zurück und streckte Lickert die Hand entgegen. „Also, versuchen wir es?” Nun mach schon! fügte er im Stillen hinzu, jedoch ohne etwas von seiner Aufregung nach außen dringen zu lassen. Das hätte alles verdorben - und verflucht, er wollte diesen Mann! Nicht nur, weil er das Medikament noch einmal testen musste. Auch nicht, weil er drei Jahre lang daran gearbeitet hatte, Stunden über Stunden im Labor - neben der Praxis. Nein, es musste gerade Lickert sein - weil der arme Kerl ihm leid tat, weil er ihn heilen wollte und weil diese Heilung immer noch auf sich warten ließ. Was Berschkowski nicht einfach nur ärgerte - er empfand es allmählich als persönliche Beleidigung.

Schlag ein! schienen sein Blick, seine ausgestreckte Hand, seine ganze Haltung zu suggerieren. Schlag ein - du wirst es nicht bereuen!

Und wirklich, Lickert hob zögernd seine Hand, legte sie vorsichtig in die des Arztes. Nur einen Moment, dann zog er sie zurück, als habe er etwas Unangenehmes berührt. Sichtlich um Fassung bemüht, fragte er: „Soll ich ... den Ärmel ...?”

„Aber nein, nein!“ Berschkowski lächelte breit. „Es ist nur eine Kapsel pro Tag. Ganz schmerzlos ...” Er holte das Medikament aus der Schriebtischschublade, reichte es Lickert, goss ihm dann aus einer Karaffe ein halbes Glas Wasser ein.

Claudius Lickert betrachtete unsicher die grüne Kapsel in seiner Hand. Fast sah es so aus, als wollte er sie fallen lassen, aber dann gab er sich einen Ruck, öffnete den Mund, warf sie hinein, trank etwas Wasser und schluckte.

 

Ryett war verwirrt. Und nicht nur das: Allmählich bekam er Angst. Ohne Ithar fühlte er sich auf diesem vorgeschobenen Posten äußerst unwohl. Ithar war der Meister: erfahren, weise, kampferprobt. Über seine Taten während der Dämonenkriege gab es Lieder ... Wenn Ryett sehr hart arbeitete, würde er vielleicht einmal selbst ein solcher Meister werden und irgendwann Ithars Platz einnehmen können ... Aber diese Zeit hätte noch weit in der Zukunft liegen sollen.

Ryett verstand nicht, was geschehen war. An einem Abend vor zwei Zyklen hatte Ithar noch das Ritual des Verschlossenen Tores ausgeführt, im Besitz seiner vollen magischen Macht - und am nächsten Morgen war er verschwunden, einfach nicht mehr da gewesen, ohne eine Nachricht zu hinterlassen, ohne eine Spur. Ryett hatte sofort eine Botschaft zur nächsten Wachstation geschickt, aber ehe Hilfe eintraf, würden noch zwei weitere Zyklen vergehen ...

Sie werden bemerken, dass Ithars Aura fehlt, dachte Ryett niedergeschlagen. Und wenn die Unnennbaren kommen, dann ...

War da nicht ein Geräusch gewesen? Er fuhr zusammen, fasste seinen Stab fester, hielt den Atem an: Hatten die Flügel des Tors sich etwa bewegt? Angespannt spähte er durch die beginnende Dämmerung.

Nein. Alles in Ordnung. Sicherlich hatte seine Einbildung ihn genarrt. Da war nichts. So scharf er auch hinschaute - er konnte nichts sehen. Seine überreizten Nerven spielten ihm schon Streiche. Ruhig bleiben, ruhig atmen ... Das Tor sieht aus wie immer, die massiven Pfeiler sind fest im Boden verankert, die schweren Flügel aus Drachenstahl, bedeckt mit magischen Zeichen, bleiben sicher verschlossen ...

Ryett entspannte sich.

Mit einer schönen Illusion stirbt es sich leichter.

 

„Nun, Herr Lickert? Gut geschlafen?” stellte Berschkowski die übliche Frage.
„Tadellos, danke!” Sein Patient, eindeutig auf dem Wege der Besserung, nickte.
„Und wie gefällt Ihnen Ihre neue Stelle?”
„Nun, ich habe erst vorgestern angefangen, aber ich glaube, es wird gut. Besser als in der Fabrik. Nette Kolleginnen übrigens - wenn ich bedenke, mit was für Drachen ich es im alten Büro zu tun hatte ...! Na ja, dank Ihnen, Herr Doktor! Dass Sie mich zu diesem Versuch überredet haben, werde ich Ihnen nie vergessen! Ich weiß”, für einen Moment kehrte ein Schimmer der alten Verlegenheit in Lickerts Augen zurück, „ich habe mich angestellt wie eine alte Jungfer, und das tut mir leid. Ich hoffe, ich habe Ihre Geduld damit nicht zu sehr strapaziert?“

„Nicht doch, Herr Lickert!“ Berschkowski lächelte - stolz und wirklich kaum gönnerhaft. „Ich verstehe das! Durchaus! Ein neues Präparat, eine revolutionäre Methode - das überblickt man ja nicht sofort. Aber jetzt, nach vier Wochen, besteht wohl kein Grund mehr zur Besorgnis. Wir werden Sie noch einige Zeit beobachten, aber von nun an dürfte eine Sitzung pro Woche genügen. Und falls - falls - Sie zwischen den Terminen beunruhigende Symptome zu bemerken glauben, dann kommen Sie einfach vorbei. Ich denke allerdings, es wird nicht nötig sein.“

„Ich auch nicht!“ bestätigte Lickert mit beinahe frivolem Lächeln und sah dem Arzt direkt in die Augen. Dann stand er unaufgefordert auf - das hatte er in all den Jahren der Behandlung noch nie getan. Doch nun umrundete er sogar den breiten Schreibtisch und blieb mit ausgestreckter Hand vor Berschkowski stehen. Zum ersten Mal schaute nun er auf den Arzt herab. „Nehmen Sie meinen tief empfundenen Dank entgegen, Doktor!” sprach er weiter, aber seine Stimme klang jetzt völlig anders: unmenschlich tief, kratzig, verzerrt. Dann packte er die abwehrend erhobene Hand des Arztes, zog daran und riss sie hinter dem Gelenk ab. „Schreien Sie nicht!” knurrte er den entsetzten Mann an, der sich schmerzgeschüttelt in seinem Sessel wand und auf den blutenden Armstumpf stierte. „Wir sind Ihnen wirklich dankbar, Doktor. Sie haben den Meister beseitigt; nur deshalb konnten wir das Tor öffnen und in Ihre wunderbare, so ... nahrhafte Welt gelangen. Ah, meine Brüder - ich höre sie schon, sie folgen mir ...! Sie haben uns sehr geholfen, wie es hier so schön heißt!”

Und er warf das ab, was die irdische Hülle seines alten Feindes gewesen war; er hatte sie angelegt, um sich diesen kleinen Spaß zu machen. Ithars schwächlicher Erdzeit-Leib zerfiel zu Nichts; an seiner Stelle erhob sich der Chorkh, einer der Dämonen aus den Traumzeit-Welten. Riesig und dunkel stand er da, in seiner wahren Gestalt, deren Schrecknisse sich in den erstarrten Augen des toten Arztes spiegelten. Herzstillstand. Das Schicksal war Berschkowski ein letztes Mal günstig gewesen.           

 

                                                                                                                                          

Copyright by Peter Schünemann, 1997