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Der Tod des Hohen Priesters

 

Über Legud-At, der schönen und reichen Stadt am Perlengolf, ging die Sonne unter. Lange Schatten senkten sich auf die Dächer der niedrigeren Häuser, auf die Straßen und Plätze. Es war die Zeit, da die Menschen für gewöhnlich in den Stuben Feuer und Lampen entzündeten, um mit Wärme und Licht die Abendkühle und das Dunkel auszusperren.
Heute jedoch glommen nur hier und da vereinzelte Lichtpünktchen - denn im höchsten Turm Legud-Ats lag Hestur, Hoher Priester der Guten Götter, im Sterben, und ehe seine Seele nicht zu Ihnen aufstieg, denen er sein Lebtag gedient hatte, blieb die Stadt in Schweigen und Dunkel gehüllt. Kein Befehl zwang die Einwohner dazu; sie selbst wollten es so, denn alle wussten um Hesturs Verdienste: wie er, berührt von den Guten Göttern, vor mehr als zwei Generationen sein Boot verließ, mit dem er bis dahin als Fischer seinen Lebensunterhalt verdient hatte; wie er fortan das Lob der Götter verkündete und in Ihrem Namen den Mächten des Grauens wehrte, die immer wieder Stadt, Land und Meer heimsuchten, in Gestalt riesiger, mit furchterregenden Tentakeln zupackender Seeungetüme, als geflügelte Echsen mit stählernen Klauen und reißenden Zähnen oder auch als gestaltlose, bisweilen nicht einmal sichtbare Gewalten, und diese waren am schlimmsten, denn das, was lebte oder was geschaffen worden war, verschlangen sie mit kriechenden Schatten, verbrannten es in feurigen Lohen oder zerbrachen es mit wütenden Stürmen.
Groß waren Hesturs Glaube und Mut, gewaltig die Kraft seiner Rede, stark seine magische Macht, und so verbannte er die Schrecken schließlich in die Lichtlosen Abgründe hinter dem gestalteten Sein.
Was wohl ohne ihn werden würde? Das fragten sich viele, die in Hesturs Sterbestunde stumm in ihren Häusern verharrten und beteten, für die Seele des Hohen Priesters, aber auch für das Wohl Legud-Ats und ihr eigenes.
Es würde nicht mehr lange dauern. Schon hatten die Oberen Priester, vier an der Zahl, den Turm verlassen, und Nomek, Ältester des ehrwürdigen Kollegiums, hatte mit einem eisernen Schlüssel die Tür versperrt, auf dass niemand Hesturs letzte Atemzüge stören mochte. Dann waren sie, gefolgt von vier Zügen der Niederen Priester, zum Tempel der Guten Götter gezogen, wo sie im Gebet verharren wollten, bis der Schleier vor dem Schicksalsaltar sich heben und die Stimme Samiths, des Göttervaters, den Namen des Nachfolgers Hesturs nennen würde; erst dann wäre es an der Zeit, Lampen und Feuer zu entzünden und auf jedem Altar drei Becher Wein zu opfern: einen für die Gnade der Götter, einen für das Andenken Hesturs, den dritten zum Segen für seinen Nachfolger. Doch vorerst herrschte, nachdem sich die Tore des Tempels hinter den Prozessionszügen geschlossen hatten, überall in der Stadt tiefes Schweigen.
Hoch oben, in seinem Turmgemach, dessen vier Fenster auf die vier Richtungen des Himmels sahen, dessen gläsernes Dach aber den Blick zum Sternenhimmel öffnete, lag Hestur auf der einfachen Pritsche, Lager eines Fischers, die ihm zeitlebens als Bett gedient hatte. Nichts in dem Gemach war kostbar, nicht einmal der hölzerne Schrein der Guten Götter, denn diesen hatte vor mehr als fünfzig Jahren Hestur selbst geschnitzt, aus dem Holz seines Bootes, an dessen Bord er in einer mondlosen Nacht die Botschaft empfangen hatte: Die Guten Götter wollten von nun an Legud-At helfen; dazu würden sie ihm Wissen und Macht schenken gegen die Mächte des Grauens. Damals war er, ohne die Netze auszuwerfen, in den Hafen der Stadt zurückgekehrt und hatte wenig später auf dem Großen Markt von Legud-At zum ersten Mal von den Göttern gesprochen, mit Worten, die die Menschen trösteten und Mut in ihre Herzen senkten. Und mit dem Wachsen ihres Glaubens wurden die Schrecken schwächer, bis sie eines Tages ganz und gar verschwunden waren.
Hestur stöhnte leise, als er sich dieser Zeit erinnerte. Damals war er jung gewesen, stark genug, die Gesichte zu ertragen, welche die Guten Götter ihm sandten, stark genug, Ihr Sendbote und Arm zu sein.
„Daran glaubst du doch selbst nicht“, sagte plötzlich eine leise, spöttische Stimme von irgendwoher. „Gute Götter? Sie existieren nicht, mein Bester; du hast sie erfunden. Nur du allein existierst – noch.“ Ein Lachen folgte, klingend wie ein Sterbegeläut silberner Glocken.
Hestur stöhnte noch ein wenig lauter. „Kann es nicht einfach zu Ende sein?“, murmelte er vor sich hin. „Lasst mich sterben, Götter! Warum noch diese Halluzinationen?“
Im hinteren Teil des Raumes, da, wo sich die Schatten am dichtesten ballten, schien ein Teil der Wand in Bewegung zu geraten, gerann schließlich zu einer hohen, schlanken Gestalt, ganz in schwarze Seide gehüllt – oder war es einfach die Schwärze der Nacht? Sie trat, nein., schwebte dicht an Hesturs Sterbebett heran. „Ich bin Larys“, erwiderte sie und enthüllte ihr Gesicht, das weiß schimmernde Antlitz einer wunderschönen Frau mit Augen, die rot glommen wie Rubine im Feuer.
„Die Botin!“, flüsterte der alte Mann. „Nein, du bist nicht hier sein! Du und die, für die du sprichst – ihr seid vor Jahren vergangen, geschleudert ins leere Nichts, dazu verdammt, euch selbst aufzuzehren! Ein Truggesicht, das bist du!“
„So? Aber bitte, wenn du meinst ...“ Larys lachte amüsiert. „Immerhin bist ja du es, der stirbt – was weiß ich schon von den Gesichten, die ihr Menschen dabei habt? Aber du stirbst, Hoher Priester, und das ist fatal, denn nicht die Götter haben uns vertrieben – du allein warst es, mit deinem Glauben, deinen Worten, mit deiner Gabe, die Menschen zu begeistern und zu führen.“ Beinahe sanft blickte sie den alten, ausgemergelten Mann auf seinem Sterbelager an.
„Ja, ich habe den Menschen den Glauben an die Guten Götter gegeben, doch ich war nur ein Bote, genau wie die, deren Antlitz du zeigst, Phantom!“ Hestur stemmte sich mit letzter Kraft hoch, wollte aufstehen, es gelang ihm nicht. „Ein Bote nur“, wiederholte er. „Die Menschen begannen wieder zu glauben, darum musste das Gezücht weichen!“
„Zu glauben? An wen?“, tönte es zurück. „Das ist es, was du nie verstehen wirst: Die Menschen haben niemals wirklich an deine Götter geglaubt, die hübsch erfundenen, fadenscheinigen, so guten und so langweiligen Götter. An das Böse haben sie geglaubt, an uns, denn das Böse ist wirklich; und an dich haben sie geglaubt, an den Weisen, der ihnen Hoffnung schenkte. Aber letzten Endes hast du sie betrogen. So besessen warst du von deinen Ansichten, dass du nicht einmal vor Mord zurückgeschreckt bist, um ihn zu verbreiten!“
„Du lügst, Truggeist!“, flüsterte der Hohe Priester zornig. „Nie habe ich meine Hände mit Blut befleckt! Ich habe den Glauben verkündet und das Unheil vertrieben; nie kann es zurückkehren. Mein Nachfolger …“
„Ach was – Nachfolger!“ Mit einem Mal verwandelte Larys sich in einen hoch gewachsenen, schlanken Mann; selbst die blutroten Augen fügten sich der neuen Gestalt, wurden dunkel, blickten menschlich und traurig, als habe ihr Besitzer in Abgründe gesehen; verzweifelt und tapfer zugleich war dieser Blick. „Wenn wir von Nachfolgern reden – auch du bist ein Nachfolger, Hestur“, sagte das neue Bild mit veränderter Stimme, sanft, aber fest und mit einem Beiklang wie von großem Leid.
Hestur sank wieder in seine liegende Stellung zurück, kraftlos, müde. „Locran …“, flüsterte er mit halb erstickter Stimme.
„Ja, mein Freund“, sagte die Erscheinung, machte einen Schritt auf ihn zu, setzte sich auf das harte Bett, fasste nach Hesturs Hand; doch es war nur wie ein Hauch auf dessen Haut. Der Hohe Priester schauderte, wollte die Hand zurückziehen, konnte es jedoch nicht. „Ich bin es“, sagte der traurige Mann. „Einst, ehe du kamst, war ich der Zeuge des Namenlosen Grauens … Wie lange ist es her, seit sie diesen Turm erstürmten, die Gläubigen deiner Guten Götter?“
„Ich … ich konnte nichts dafür!“ Doch der Protest kam matt aus Hesturs Mund. „Ich wusste nicht einmal davon! Ich war in den Marmorbrüchen, um den Block für die Statue Samiths zu begutachten … und als ich erfahren habe, was sie taten, habe ich es verurteilt!“
„Du hast es verurteilt?“ Die freundliche Milde, mit der Locran das sagte, schien dem Sterbenden entsetzlich, und er schloss die Augen, aber die sanfte Stimme konnte er nicht aussperren. „Du wusstest es nicht? Mag sein. Aber trägst du auch keine Schuld daran? Hast du denn nur von den Guten Götter geredet, oder ging es in deinen Verkündigungen nicht auch um uns, die meinten, man müsse die Schrecken akzeptieren als das, was sie seien, nämlich wirklich - und um so hartnäckiger gegen sie kämpfen, sei es auch auf verlorenem Posten? Hast du nicht verkündet, Hestur, wie gefährlich diese Meinung sei? Aber sag mir: Was ist gefährlich daran, wenn Menschen auf sich selbst vertrauen? Es gibt nur uns und den Schrecken, Hestur … Du jedoch hast deinen Anhängern falsche Sicherheit eingeflüstert, bis sie glaubten, sie müssten diese Unheilspropheten – von wem stammte dieses Wort? – stumm machen, wenn sie siegen wollten ...“
„Weil euer Weg nicht zum Ziel führte!“, fuhr der sterbende Priester seinen Widerpart an, als habe er vergessen, dass dieser nur eine Illusion war. „Magie – Beschwörungen – eure törichten Waffen … Was nützte all das denn?“
„Keine Magie, alter Freund: Wissen!“, warf Locran ein, doch Hestur wischte es mit einer Handbewegung zur Seite, fuhr unbeeindruckt fort: „Nichts nützte es! – weil die Menschen ohne Götter, nur auf sich selbst und eure kindischen Spielereien geworfen, keine Hoffnung hatten. Ich – ich habe ihnen Hoffnung gegeben – den Glauben an das Gute – und sie haben sich von euch abgewendet – haben geglaubt und die Schrecken vertrieben!“
„Nicht nur die Schrecken …“, entgegnete Locran sanft. Seine Gestalt wandelte sich: Die freundlichen, traurigen Augen gerannen zu leeren Höhlen, aus denen Blutfäden sickerten; in seinem edel geformten Kopf klaffte eine breite Wunde, aus der zerstörtes Hirngewebe rann, und der Kopf hing nun schief am Hals. „Nicht nur die Schrecken …“, wiederholte die Erscheinung mit leiser, zerbrochener Stimme. „Das war ich, nachdem deine Anhänger mit mir fertig waren … Du hast es nicht gesehen, du wandeltest ja in den Marmorbrüchen auf den Spuren deines Gottes. Nun, jetzt siehst du es also …“
„Aaaaah!“, brüllte Hestur, mit einem letzten Aufflackern von Kraft, gespeist aus Entsetzen; der Schrei hallte durchs Turmgemach, fiel schwer aus den offenen Fenstern, stürzte hinunter in die Stadt, wo die Menschen jäh erzitterten. „Weiche, Truggeist – fort! Fort!“ Dann versagte ihm die Stimme, er fiel in sich zusammen.
Im Raum wurde es still. Erst nach einer Weile wagte der Sterbende es, den Kopf zu heben und sich umzusehen. Er sah nichts außer den beiden Fackeln, die den Raum spärlich erhellten, und den Schatten, die sich in den Ecken ballten.
Hestur atmete auf. „Ich wusste es – Trug, nur Trug!“, flüsterte er und ließ sich zurücksinken. Seine Glieder wurden schlaff, er starb.
„Armer Mensch … kleiner Mensch!“, antwortete eine seidenweiche Stimme seinen Worten, schön, amüsiert, böse. „Trug? Trug war nur deine Hoffnung, der Glaube an deine Götter würde dich überleben.“  Larys trat aus dem Dunkel hervor, in dem sie sich verborgen hatte, und musterte aus Rubinaugen den leblosen Körper auf dem harten Sterbelager. „Du warst ein guter Gegner, oh ja, und du hättest ein gefährlicher Gegner werden können, hättest du Locran in seinem Kampf unterstützt.“ Ein spöttisches Lächeln legte sich über ihre Züge. „Du hast die wahre Kraft, die du besaßest, nicht erahnt – und nun ist sie dahin, denn ihr Menschen seid so … sterblich. Die Barrieren brechen, Hestur, die Alten Mächte erwachen aufs Neue; und falls irgendwo in der Welt noch ein Rest von dir existiert, sollte er sich wünschen, taub und blind zu sein, um das nicht mehr zu erleben!“ Laut lachte sie auf, gellend, und die Mauern der Stadt erbebten. Dann schrie sie triumphierend das Verbotene Wort der Wandlung, dessen sich nur noch die Toten in ihren Grabgewölben erinnern mochten; doch diese Gewölbe stürzten ein, als Larys ihre wahre Gestalt annahm, nicht die eines Mannes noch die einer Frau noch sonst irgendeines Wesens des gestalteten Seins. In Hesturs toten Augen spiegelte sich eine Erscheinung, wie sie in Legud-At seit Menschengedenken nicht mehr gesehen worden war. „Du bist tot, und wir kehren zurück!“ Lachend schlang die Dämonin einen ihrer vielen Arme um den Leib des Priesters, riss ihn hoch von seinem Bett. „Du hast nichts gebessert, Narr – hast die Menschen nur eine Weile in Sicherheit gewiegt, bis sie träge geworden sind und feige, leichte Beute. Was wollen sie tun - einen neuen Hohen Priester wählen? Ha! Wären sie Locrans Weg gegangen, hätten sie gekämpft. Sie hätten uns nicht besiegt, doch sie wären wenigstens würdig gestorben. Du, Hestur, warst unser Helfershelfer; dank deiner werden wir bald satter sein denn je!“ Damit entfaltete sie ihre riesigen schwarzen Schwingen, zertrümmerte mit ihnen die Wände des Gemachs und erhob sich mit Hesturs totem Körper in die Luft. So flog Larys, Botin des Grauens, zum Tempel der Götter, die nie existiert hatten; fröhlich sang sie rasenden Mord und brennenden Wahnsinn auf die Stadt hinab. Auf den Schicksalsaltar warf sie die mit Geifer besudelte Leiche, und die Schleier vor dem Heiligsten zerrissen. Nomek, den Ältesten der Priester, packte die Dämonin, riss ihm mit einem Ruck den Kopf ab und tauchte ihr Angesicht in sein strömendes Blut. Dann heulte sie triumphierend, die Schreie ringsum übertönend; eine Kakophonie des Grauens antwortete, als die Lichtlosen Abgründe Jenseits Des Seins sich öffneten und die Scharen des Chaos über Legud-At kamen, um zu morden, zu fressen und sich zu vergnügen auf hunderterlei Weisen, eine grausamer als die andere.

 © by Peter Schünemann, 2018

veröffentlicht in Neuer Stern 35